Im deutschen Gesundheitssystem lassen sich kurzfristig bis zu 50 Milliarden Euro einsparen – ohne Qualitätsverluste in der medizinischen Versorgung der Patienten. Zu diesem Schluss gelangten Marita Vollborn und Vlad Georgescu, Autoren des bei S.Fischer erschienenen Sachbuches Die Gesundheitsmafia bereits im Jahr 2005. Mittlerweile hat die Lektüre auch den Bundestag erreicht - Peter Strucks Vorstoß geht nach Ansicht der Autoren zumindest teilweise in die richtige Richtung. Denn nach Ansicht des Journalistenpaares ist das, was die Bundesregierung jetzt empfiehlt, seit April 2005 im letzten Kapitel des Buches nachzulesen - als Empfehlungen an die Politik. „Allerdings sind die angedachten Maßnahmen aus unserer Sicht eher ein Teilbereich des Nötigen und reichen nicht aus“, erklärt Georgescu. Vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Etablierung einer starken, universitären Forschung als Wettbewerb zur Pharmaindustrie seien unabdingbare Voraussetzungen für das Ende der derzeitigen Kostenexplosion.
Real ließen sich dem Autorenteam zufolge nämlich über 50 Milliarden EUR der GKV einsparen, wenn:
* hierzulande eine Behörde á la britische Counter Fraud and Security Management (CFSMS) veruntreute Gelder dem Gesundheitssystem wieder zuführen ließe. In Großbritannien hat die Institution sagenhafte 478 Millionen Pfund, die durch Betrug und Korruption dem Gesundheitssystem entzogen worden waren, wieder zurückgeholt. Hierzulande gehen dem Staat jährlich rund 20 Milliarden EUR im Gesundheitssektor verloren.
* Der Bund die bisherigen Gelder des BMBF - nach den Buchrecherchen immerhin weit über 100 Mio. EUR - statt der Pharmaindustrie, den Universitäten zur Verfügung stellen würde, um Wirkstoffforschung zu betreiben. Indes passiert genau das gegenteil: Der Bund sponsort die labore der großen Pharmakonzerne. Allein das am 31. März 2004 beendete Forschungsvorhaben "Entwicklung von biologischen Markern" der Bayer Health Care beispielsweise finanzierte das BMBF mit 1,97 Mio. Euro aus Steuergeldern. Durch die Förderung der universitären Forschung ließe laut Vollborn und Georgescu sich ein echter Wettbewerb im Bereich der Pharmaka erzeugen - die Patente kämen zudem den Unis zu Gute. Die Folge: massive Preissenkungen und damit verbunden ein Einsparpotenzial von mehreren Milliarden bei den Medikamentausgaben der GKV (bezogen auf derzeit ca. 23 Mrd.)
* Wenn die Zweiteilung der Ärzteschaft aufgehoben würde. Während Krankenhausärzte nach BAT bezahlt werden, erhalten Niedergelassene dank EBM weitaus höhere Einnahmen - ebenfalls auf auf Staatskosten, via GKV. Was Ministerin Schmidt jetzt fordert, findet sich zwar auf Seite 339 des Buches "Die Gesundheitsmafia" (Vereinheitlichung der Gebührenordnungen), entlastet aber nach Recherchen der Autoren die GKV nicht. Erst die Angleichung der Honorare bei den Niedergelassenen auf Krankenhausniveau würde eine Einsparung von ca. 10 Milliarden einbringen.
* Die jetzt angedachte Fusion der Kassen umgesetzt würde. Tatsächlich belaufen sich die derzeitigen Verwaltungsausgaben auf über 10 Milliarden EUR. Wie die Autoren auf Seite 340 empfehlen "ließen sich durch Kassenfusionen jährlich mehrere Milliarden einsparen".
* Die Politik sich zu einem Verzicht auf bezahlte Nebentätigkeiten von Parlamentariern nach US-Vorbild entschließen könnte. Auf diese Weise wären Interessenskonflikte, die im Buch ausführlich geschildert werden und mit Namen belegt sind, vermeidbar - und Gesetze realisierbar, die der Bevölkerung dienten.
Buchtipp: Die Gesundheitsmafia
Marita Vollborn, Vlad Georgescu Fischer Taschenbuchverlag Mai 2006 ISBN: 3596165776 EUR 8,95
(2006-05-23)
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