Stony Brook/ LifeGen.de – Die an der Rutgers-Universität in New Jersey lehrende biologische Anthropologin Helen Fisher ist der Vision vom gläsernen Menschen ein gutes Stück näher gekommen. Gemeinsam mit Kollegen des Albert Einstein College of Medicine in Stony Brook verfolgt sie gerade ein Forschungsprojekt über die “Gehirnphysiologie der romantischen Liebe.” Als Wegbereiter in die Welt der intimsten Gefühle dient die sogenannte funktionelle Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT), welche mit einer magnetischen Feldstärke von vier Tesla ohne Strahlenbelastung detaillierte Bilder des lebenden Gehirns liefert und aktive Zentren lokalisieren kann. Die Wissenschaftler können auf diese Weise erkennen, welche Bereiche des Gehirns zum Beispiel beim Denken aktiv sind – oder beim Verliebtsein. Rolf Froböse berichtet
Im Rahmen dieses Projekts legt die Forscherin frisch Verliebte – völlig unromantisch – in die Röhre eines Tomographen. “Ich möchte in ihren Gehirnen lesen, wie sie lieben,” sagt sie. Um den Geheimnissen der Liebe auf die Spur zu kommen, zeigt die trickreiche Forscherin den freiwilligen Probanden zunächst ein Foto des Geliebten, danach das Bild einer “neutralen” Person. In beiden Fällen ist zu erwarten, dass bestimmte Gehirnareale aktiv sein werden. “Wenn man nun die Bereiche, die auf neutrale Personen reagiert haben, von den Bereichen abzieht, die bei der geliebten Person reagiert haben, dann werden wir voraussichtlich sehen können, welche Gehirnteile genau beim Verliebtsein aktiv sind”, argumentiert Fisher.
Inzwischen hat Fisher mehr als 1000 Verliebte untersucht und anhand nachweisbarer Botenstoffe herausgefunden, dass sich die Beziehung der Paare in die Phasen “Lust”, “romantische Liebe” oder “Bindung” abstufen lässt. Impulsgeber der körperlichen Lust seien die Hormone Östrogen und Testosteron. Deren Ausschüttung werde durch optische Reize, aber auch durch Sport oder aufregende Situationen gefördert. Die Empfindung der Lust sei also nicht von einem speziellen Menschen abhängig.
“Dagegen wird die romantische Liebe mit einer ganz besonderen Person verbunden”, unterstreicht die Wissenschaftlerin. Plötzlich verspüre man ein Kribbeln im Bauch, müsse permanent an den anderen denken und sei unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. “Das Verhalten Verliebter ähnelt dem von Zwangsneurotikern”, unterstreicht sie. Laut Fisher kreisen die Gedanken solcher “Erkrankten” zu 85 bis 100 Prozent des Tages und der Nacht um die Angebeteten. Dieses Gefühl hänge eng mit den Hormonen Oxytocin und Vasopressin zusammen. “Das sind Substanzen im Gehirn, die das Gefühl von tiefer Zuneigung vermitteln”, versichert Fisher.
Auch Wissenschaftler vom Forschungszentrum Jülich sind mit Hilfe der MRT den Vorgängen im Gehirn auf der Spur. Von derartigen Untersuchungen erhofft man sich vielfältige medizinische Fortschritte, etwa bei der Diagnose neurologischer Erkrankungen. Die Forscher haben jedoch noch andere Anwendungen im Visier. “Der Schwerpunkt unserer neurowissenschaftlichen Arbeit mit dem neuen Gerät wird zunächst auf der Forschung am normal funktionierenden menschlichen Gehirn liegen”, erklärt Dr. N. Jon Shah, Projektleiter der MRT-Gruppe im Jülicher Institut für Medizin. “Denn es sind noch viele Bereiche zu wenig erforscht.”
Hierzu zählen die Forscher unter anderem jene Vorgänge, die für die “Chemie der Liebe” verantwortlich sind. Diese Chemie steuert nicht nur unsere Lebensfunktionen, sondern auch unsere ureigensten Gedanken und Gefühle. Und mit Hilfe der MRT ist es erstmals möglich, die elektrischen Signale zwischen den Zellen direkt zu registrieren. “Diese Methode ist eine Art "großer medizinischer Lauschangriff" auf die interne Hirnkommunikation”, verdeutlicht Shah.
Bei diesem “Lauschangriff” wird mit Hilfe der MRT der Sauerstoffgehalt des Blutes gemessen. Denn je nachdem, ob der rote Blutfarbstoff – das Hämoglobin – mit einer erhöhten Konzentration an Sauerstoff beladen ist oder nicht, gibt ein unterschiedliches “Echo”. Ein in Jülich unter dem Namen FIRE (Functional Imaging in Real Time) entwickeltes und zum Patent angemeldetes Verfahren hat die funktionelle MRT so beschleunigt, dass die auf diese Weise gewonnenen Bilder nunmehr quasi in “Echtzeit” zur Verfügung stehen – populärer würde man von “Turbo-MRT” sprechen.
Die Forscher sind aber noch einen Schritt weiter gegangen. So können sie mit Hilfe der “Turbo-MRT” erstmals auch die an der Gehirntätigkeit beteiligten Moleküle identifizieren und messen. So kann mit Hilfe der Methode inzwischen sogar unterschieden werden, ob die gemessenen Signale beispielsweise von einem Botenstoff der Hirnzellen oder von einer Energie übertragenden Phosphorverbindung stammen.
Unsere ureigensten Gedanken und Gefühle können Wissenschaftler wie Shah zum Glück noch nicht lesen. Vielmehr ist es wie mit einem versiegelten Liebesbrief. Schreiber und Empfänger lassen sich identifizieren, der Beobachter weiß aber nicht, welche Botschaft in dem Umschlag enthalten ist.
Buchtipp:
Wer mehr über das Thema erfahren möchte, dem sei das Buch von Gabriele und Rolf Froböse Lust und Liebe - alles nur Chemie? empfohlen. Es ist im Weinheimer Wiley-VCH Verlag erschienen und kostet EUR 24,90.
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