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Vorstoß der Anti-Aging-Tech


Foto: PhotocaseAuf ersten Blick erscheinen die Ziele wie eine ferne Vision: Rund 600 Millionen Dollar will das US-amerikanische Finanzkonsortium Maximum Life Capital bis zum Jahr 2008 eintreiben, danach geht es zur Sache. Ab Ende 2008 wird das Unternehmen nach eigenen Angaben 100 Mio. US-Dollar jährlich in Firmen investieren, deren Fokus auf Anti-Aging-Technologien gerichtet ist. Ziel des hehren Unterfangens ist der Aufbau von Firmen, die noch vor 2016 die gesunde menschliche Lebenszeit um 10 bis 20 Jahre verlängern sollen. Als ob das allein nicht sensationell genug wäre, setzen die Kapitalgeber auf das Jahr 2030 – dann endlich könnte „über die bedeutsamen Technologien verfügt werden, die den Alterungsprozess von Menschen umkehren und vor den meisten altersbedingten Krankheiten schützen“. Leere Versprechungen? Utopie? Vieles spricht dafür, dass Anti-Aging-Technologien tatsächlich vor einem ungeahnten Boom stehen, bei dem neben der Medizintechnik auch die Medizin selbst nachhaltig profitieren wird. von Vlad Georgescu


Dass die technische Ära des Anti-Aging begonnen hat, stellten im vergangenen August die Teilnehmer der American Chemical Society in Washington DC fest. Die 230. Jahrestagung der weltweit anerkannten Gesellschaft stand nämlich ganz im Mittelpunkt der Cosmetic Nanotechnology. Der junge Wissenschaftszweig zählt unter Fachleuten zu dem spannendsten Bereich des Anti-Aging – weil neue, innovative Produkte auf Nanobasis die Alterung der Haut sichtbar aufhalten könnten.

Polymere und spezielle Kolloide spielen dabei eine Schlüsselrolle. Was freilich kaum jemand weiß: schon vor vierzig Jahren erblickten die ersten Liposom-Cremes das Licht der Welt. Sie zählen heute zu den Wegbereitern der so genannten regulatorischen Nanocosmetics. Mittlerweile beschäftigt sich auch die amerikanische Zulassungsbehörde FDA mit der Frage, ob die tief eindringenden, nanotechnologisch hergestellten Salben und Pflegemittel medizinischen Indikationen entsprechen.

Forscher an der University of Massachusetts in Lowell jedenfalls konnten zeigen, wohin die Nano-basierte Anti-Aging-Reise geht. Sie entwickelten künstliche “nanocarriers”, winzigste Trägerpartikel also, die Vitamin E – Moleküle einkapseln und auf diese Weise direkt zu den Zellen der Haut transportieren können. Die wundersamen Polymere sind zudem in der Lage, neben Vitamin E auch andere Wirkstoffe in den Körper einzuschleusen. Auf diese Weise soll in Zukunft das in den Organismus gelangen, was freie Radikale und andere zellschädigende Substanzen abfangen kann. Der Prozess des Alterns ließe sich somit aufhalten.

Auf die Entwicklung verjüngender Technologien setzt auch die ebenfalls in den USA ansässige, nichtkommerzielle X Prize Foundation, die weltweit bekannt wurde, als sie im Jahr 2004 mit Space Ship One das Rennen um private Weltraumflüge eröffnete. Im Bereich des Anti-Aging zeigt sich die Stiftung ähnlich visionär: 500.000 Dollar winken jenem Unternehmen, das im Rahmen des Methuselah Mouse Projekts die am längsten lebende Maus (Mus musculus) auf die Beine bringt. „Projuvenation technology” heißt hier die Forschungsrichtung – es geht vor allem um die Beseitigung von Alterungseffekten, eines Tages auch beim Menschen, wie Aubrey de Grey, der Projektleiter des Vorhabens, erklärt.

Den Begriff Anti-Aging-Technologien auf molekularbiologische oder nanotechnische Anwendungen einzuschränken, wäre indes inadäquat. Denn es geht um weitaus mehr: die nachhaltige Entwicklung eines vollkommen neuen Health care- und Pflegemarktes steht im Visier der Forscher und Manager. Welches Potenzial sich dahinter verbirgt, offenbart das Interesse der US-Regierung. Im Dezember 2005 durften Wissenschaftler auf der alle 10 Jahre stattfindenden Aging-Konferenz des Weißen Hauses in Washington DC den MedTracker vorstellen.

Das mit Geldern des National Institute on Aging entwickelte Gerät zeichnet nicht nur auf, welche Medikamente ältere Patienten zu sich nehmen. Es schlägt zudem aus den biosensorisch erfassten Messdaten Alarm, wenn der Träger des MedTrackers medizinische Hilfe benötigt. Anti-Aging, belegt die Technologie der Amerikaner, bedeutet demnach auch: älteren Menschen die Mobilität und Flexibilität im Alltag bewahren helfen – selbst dann, wenn eine permanente Überwachung angebracht scheint.

Die Liste solcher Innovationen kann sich sehen lassen: • Pearl the Nursebot ist ein Roboter, der Pflegebedürftigen zur Seite steht.

• Guido heißt die intelligente Gehhilfe mit Navigationssystem. Sie vermeidet Kollisionen, wenn der Patient Hindernisse nicht rechtzeitig erkennt.

• CareMedia ist ein Video-System, das Verhaltensänderungen bei Alzheimerpatienten erkennt und dem Pflegepersonal meldet

• SMARTWheel erinnert eher an ein James Bond Vehikel, ist aber ein Rollstuhl, der via Computer für eine störungsfreie Beförderung sorgt.

Hierzulande hingegen konzentriert sich der Blick der Medizin in erster Linie auf technologische Anti-Aging Anwendungen rund um die Dermatologie. Kein anderes Organ garantiert bei entsprechender Therapie den zumindest optischen Verjüngungsprozess besser, als die menschliche Haut. So verwundert es nicht, dass gegen die sichtbaren Alterungsprozesse eine ganze Armada an Technologien parat steht: Minimal-invasive dermatologisch-ästhetische Verfahren wie chemische Peels, Mikrodermabrasion, Fillers, nicht-ablative Laser-Rejuvenation, Radiofrequenztechniken und Botulinumtoxin, zählen ebenso wie Laserresurfacing und kosmetisch-chirurgische Eingriffe inklusive der autologen Haartransplantation zum Repertoire dessen, was die heimische Anti-Aging Branche technisch betrachtet zu bieten hat.

Doch während sich Forscher in den USA schon heute vorwiegend mit einem Gesamtkonzept in Sachen Anti-Aging befassen, und auf nationaler Ebene Gelder im Millionenhöhe in die Entwicklung innovativer Technologien fließen, rätseln hierzulande die Entscheidungsträger lieber über den status quo: Vor den Gefahren einer „Gefälligkeitsmedizin“, zu der auch Anti-Aging-Bereiche zählten, warnten Referenten bei der Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin im Oktober vergangenen Jahres, die an der Universität Witten-Herdecke stattfand. Nur zwei Monate später trafen sich ganz andere Mediziner in Washington DC – zur bereits erwähnten White House Conference on Aging.

Der Artikel erschien erstmals im DocCheck Newsletter
(2006-08-18)

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