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Vorabdruck Die Einkaufsrevolution - Konsumenten entdecken ihre Macht
Geiz ist geil, und Shoppen macht Spaß. Aber ist Einkaufen wirklich nur ein Privatvergnügen? Oder ist es, aller Werbung und Imagepflege zum Trotz, eine Entscheidung so wichtig wie jede Kanzlerwahl? Interessiert uns wirklich nicht, warum ein handgewebter Teppich 1,95 Euro kostet und wo die vier Euro für den Starbucks-Kaffee landen?
Tanja Busse deckt Skandale der modernen Produktion und Preispolitik auf und zeigt, wie der Konsument als gesellschaftliche Macht der Zukunft Einfluss nehmen kann. Im praktischen Teil gibt sie konkrete Tipps, wo und wie verantwortungsvoller Konsum möglich ist. LifeGen.de stellt in einem exklusiven Vorabdruck das neue Buch der bekannten WDR3-Moderatorin vor - und verleiht dem Werk das Prädikat "sehr lesenswert".
"Wenn man mag, kann man es Betrug nennen, wie sich die Waren uns präsentieren: Der Joghurtbecher zeigt Himbeeren, die im Himbeerjoghurt aber fehlen. Und der Nike-Spot zeigt den kleinen Jungen als Ballkünstler, nicht als Fabrikarbeiter, und eine Werbekampagne darf ungestraft behaupten, McDonalds lasse kleine Mädchen als Qualitäts-Scouts seine Pommes-frites-Produktion überwachen. Niemand aber empfindet das als Betrug, weil jeder weiss, dass Werbung Geschichten erzählt und keine Fakten. Was das angeht, ist der Konsument aufgeklärt. Doch wer etwas verkaufen will und dafür wirbt, weiss, dass er der Macht seiner Bilder vertrauen kann. Dass sie wirken, wenn man sie wahrnimmt, auch ohne dass man sie für wahr nimmt. Und also hat der Joghurt ohne Himbeeren sein Image als Himbeerjoghurt, und der schöne neue Pullover sieht aus wie ein schöner neuer Pullover.
Ab und zu ahnt man beim Einkaufen, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht, etwa wenn man bei Ikea einen handgewebten Teppich (60 x 90 cm) für 1,89 Euro entdeckt. (“Liebe Mitarbeiter von Ikea, Sie haben kürzlich in Hamburg-Schnelsen einen handgeknüpften Teppich 60 mal 90 für 1,89 angeboten. Wie viel Lohn haben die Teppichknüpfer für das Knüpfen bekommen?” - “Sehr geehrte Frau Busse, vielen Dank für Ihre Anfrage. Teilen Sie uns mit, wozu Sie die Information benötigen, gerne helfen wir Ihnen weiter. Desweiteren benötigen wir Ihre Anschrift, um Ihnen unsere Umwelt - und Verantwortungsbroschüre zuzusenden. Mit freundlichen Grüßen, IKEA Service-Center.” - “Sehr geehrtes Service-Center, als Ikea-Kundin bin ich an den Herstellungsbedingungen Ihrer Produkte interessiert. Würden Sie mir anders antworten, wenn ich als Journalistin frage?” - Keine Antwort.) Meistens erstickt man sein Unbehagen mit dem Ohnmachtsgefühl, es ohnehin nicht ändern zu können. Und es stimmt ja auch: Wir sind ohnmächtig. Aber nur, solange alle an diese Ohnmacht glauben.
Eigentlich aber wollen wir nicht, dass Näherinnen, während sie uns eine Hose nähen, von einstürzenden Fabrikteilen erschlagen werden - wie im April 2005 in Bangladesch - oder dass Arbeiterinnen, während sie Rosen für unsere Sträuße pflücken, mit Gift überschüttet werden. Eigentlich wollen wir auch keine Mobiltelefone, an denen das Blut von Kindersoldaten klebt und keine Steaks und Taschentücher aus abgeholzten Regenwäldern. Geschähe das unmittelbar vor unseren Augen, wir würden es nicht ertragen. So aber schiebt sich die hippe heile Welt der Werbung zwischen uns und unsere Waren, und die weltweite Arbeitsteilung tut ein weiteres. Wir sehen nicht, wie unsere Kleider in Südostasien genäht werden. Nicht einmal die Leute, die dort wohnen, sehen wie es dabei zugeht, denn viele Textilfabriken liegen hinter hohen Zäunen und werden bewacht. Wir sehen nicht einmal, wie Kühe und Schweine in deutschen Ställen gehalten werden. Wir sehen Hochglanzanzeigen und TV-Spots. Und wir halten es für normal, dass wir von 100 000 weitgehend ungetesteten Chemikalien umgeben sind, von denen einige ziemlich giftig sind.
Dieses Buch versucht, die zerrissene Verbindung zwischen Herstellung und Konsum zu flicken. Es zeigt, dass man sich mit diesen Zuständen nicht abfinden muss, sondern dass wir - die Konsumenten - die Macht haben, die Herstellungsbedingungen unserer Waren zu verändern. Und zwar durch ein Einkaufen, das sich nicht im Privatvergnügen erschöpft, sondern als politische Handlung verstanden wird.
Der Soziologe Ulrich Beck, der Entdecker der Risikogesellschaft, hat den politischen Konsumenten in die soziologische Debatte in Deutschland eingeführt. Er bezeichnet ihn als Gegenmacht der globalen Zivilgesellschaft - als eine “bislang kaum entfaltete Gegenmacht” allerdings. Ulrich Beck glaubt: Der schlafende Riese Konsument kann - richtig organisiert - erwachen und den Kaufakt in eine Abstimmung über die weltpolitische Rolle der Konzerne verwandeln. Seine Waffe? Nicht kaufen. Oder: etwas Anderes kaufen. Und während seine Soziologenkollegen vorsichtig einwenden, dass sich Beck seinen politischen Konsumenten vielleicht nur ausgedacht haben könnte, entdeckten ihn plötzlich amerikanische Modezeitschriften wie Elle und Vanity Fair.
Der politische Konsument muss seine passiven Wünsche an die Warenwelt ins Aktive kehren und, statt um Verführung und Coolness zu bitten, muss er fordern: “Verändere dich, sonst kauf ich dich nicht!” Auf diese Weise hat er es als politischer Konsument in der Hand, die globalisierte Wirtschaft nach seinen Maßstäben zu verändern. Wenn er Einkaufen ernst nimmt wie Wählen, wie eine politische Entscheidung, bei der jede Stimme zählt. Und jeder Euro. Nicht allein bei spektakulären Einzelaktionen (gegen Nestlé, weil der Konzern mit seiner Babynahrung Kinder in Afrika gefährdete, gegen Nike, weil das Unternehmen Fußbälle von Kindern zusammen nähen ließ, gegen Shell wegen der Versenkung der Ölplattform Brent Spar), sondern grundsätzlich und ausdauernd. Bei jedem Einkauf.
Das funktioniert, sobald viele mitmachen. Auf veränderte Nachfrage reagieren Unternehmen schneller als auf jeden Gesetzesentwurf. Bloß noch ist der politische Konsument dumm wie ein Stier, der sich von einem Lattenzaun bremsen lässt, weil er nicht weiss, wie stark er ist. Er müsste nur die Augen öffnen, um sich seiner Größe bewußt zu werden. Dann würde er merken, dass er bei jedem Einkauf die Wahl hat und welche Folgen seine Einkäufe hatten. Er müsste merken, dass seine Einkäufe auch jetzt bestimmen, welche Waren gerade auf welche Weise produziert werden und wem das schadet oder nützt. Denn nur weil er Eier von Hühnern aus Käfigen kauft, gibt es Hühner in Käfigen. Weil er billiges Fleisch kauft, gibt es Schweine, die ihr Leben wie Ölsardinen in der Büchse verbringen. Weil er Atomstrom kauft, fährt der Castor durchs Wendland. Weil er beim T-Shirt-Kauf nicht nach Sozialstandards fragt, werden Näherinnen wie Sklavinnen gehalten. Der Umkehrschluß gilt."
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Karl Blessing Verlags
Tanja Busse
Die Einkaufsrevolution
Konsumenten entdecken ihre Macht
Karl Blessing Verlag
Gebundenes Buch, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN-10: 3-89667-312-2
ISBN-13: 978-3-89667-312-1
€ 14,95 [D] / SFr 26,90
(2006-09-28)
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