Lebensmittelanalytiker finden immer wieder überdosierte Vitaminmengen, zum Beispiel bei Frühstücksflocken. So hatte Stiftung Warentest bei Cornflakes eine Überdosierung mit Vitamin B1 um bis zu 50 Prozent entdeckt. In einer anderen Untersuchung stellten die Tester fest, dass die Flakes eine bis zu dreifache Menge an Vitaminen enthielten als auf der Verpackung angegeben, in verschiedenen Getreideprodukten war 50 Prozent mehr Vitamin B1 enthalten als angegeben, in Süßwaren 25 Prozent, Folsäure in Milchmischgetränken sogar 175 Prozent mehr als angegeben. Der Grund dafür, warum Hersteller das tun, ist ein technologischer: Auch künstliche Vitamine sind nicht unvergänglich. Neben Feuchtigkeit und Wärme setzen ihnen Sauerstoff und Licht zu. Um zu erreichen, dass das Produkt garantiert bis kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums so viele Vitamine enthält, wie auf der Verpackung deklariert, verteilen sie Vitamine nach dem Gießkannenprinzip. von Marita Vollborn und Vlad D. Georgescu
In Deutschland reichern Produzenten seit 1970 ihre Cornflakes an. Das tat der Beliebtheit der Frühstücksflocken bislang keinen Abbruch – im Gegenteil. Im guten Gewissen, durch eine wohlschmeckende und unkomplizierte Startmahlzeit den anstrengenden Alltag mit einem regelrechten Vitamin-Eisen-Schub zu beginnen, füllten Eltern ihren Kindern und sich selbst die Teller. Doch 1999 ging eine friedliche Ära zu Ende: Damals wagte die norwegische Regierung den Widerstand und verbot schließlich Anfang 2000 die Einfuhr von Kellogg’s Cornflakes mit der Begründung, es sei nicht auszuschließen, dass gewisse Bevölkerungsgruppen infolge der unkontrollierten zusätzlichen Einnahme von Vitaminen und Eisen gesundheitlich gefährdet würden. Kellogg’s legte Beschwerde ein, und Norwegen musste sich wegen Behinderung des freien Handels in Luxemburg verantworten, dem Sitz des Gerichtshofes der europäischen Freihandelszone EFTA. Der EFTA-Gerichtshof folgte in seinem Urteil im Jahr 2001 der Argumentation der Norweger zwar nicht, im Lande herrsche kein Vitaminmangel, eine Anreicherung von Lebensmitteln sei daher überflüssig. Allerdings erkannte er das »Vorsorgeprinzip« (precautionary principle) an. Demnach hat eine Regierung das Recht, den Vertrieb eines Produktes auch dann zu untersagen, wenn zwar keine absolute Sicherheit darüber besteht, dass es gefährlich ist, jedoch seriöse Wissenschaftler in belegbarer Weise eine solche Gefährdung annehmen. Die Reaktion der Norweger auf das – durchaus interpretationsfähige – Urteil fiel eindeutig aus: Sie beharrten auf dem Cornflakes-Bann. Kellogg’s dagegen legte den Spruch der EFTA-Richter anders aus und hält beständig Ausschau nach Ernährungsexperten, die als Paten für die aufgepeppten Flocken auftreten könnten.
Mit großem Interesse hatten auch andere nordeuropäische Länder die Auseinandersetzung beobachtet. Schließlich reagierte im August 2004 Dänemark. Die dänische Gesundheitsbehörde Danish Veterinary and Food Administration (DVFA) verbot kurzerhand den Verkauf von zwölf Frühstücksflocken und sechs Müsliriegeln. Den Bescheid begründete die DVFA mit einer Risikoanalyse des Danish Institute for Food and Veterinary Research (DFVF). Das Institut war zu dem Schluss gekommen, dass die angegebenen Mengen bei regelmäßigem Genuss Nieren und Leber von Ungeborenen und Kindern schädigen könnten – und das, obwohl die Mengen an Vitamin B6 und Folsäure tatsächlich nur 25 Prozent der empfohlenen Tagesdosis für einen Erwachsenen ausmachen. Bei Eisen und Kalzium waren es sogar nur 17 Prozent. Nordisk Kellogg’s, die skandinavische Tochterfirma des US-Nahrungsmittelgiganten, beschwor dagegen die Unbedenklichkeit ihrer Produkte.
Tatsächlich ist ein Zuviel vor allem am Spurenelement Eisen alles andere als ungefährlich. Zwar ist Eisen ein lebensnotwendiger Stoff, bildet es doch die Grundlage für die Bildung des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin und bestimmt damit über die Fähigkeit des Blutes, Sauerstoff zu transportieren; zudem ist es Bestandteil vieler Enzyme. Andererseits kann überdosiertes Eisen stark toxisch für den Organismus oder die einzelne Zelle sein. Bei einem Überangebot bilden sich aggressive freie Radikale, die den Zelltod herbeiführen können.
Der Text ist ein Buchauszug aus dem Wirtschafts-Bestseller "Die Joghurt-Lüge. Die unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie". Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Campus Verlags, Frankfurt am Main/New York
Marita Vollborn, Vlad D. Georgescu
Die Joghurt-Lüge
Die unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie
336 Seiten, EUR 19,90/EUA 20,50/sFr 34,90
ISBN 3-593-37958-9
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