Bestsellerautoren: Telekom-Streik hat seine Berechtigung
Der seit nunmehr 10 Tagen andauernde Streik bei der Deutschen Telekom hat seine Berechtigung - weil im Falle von niedrigeren Löhnen massive psychische und gesundheitliche Schäden der Mitarbeiter drohen könnten. Das betonen die Bestsellerautoren Marita Vollborn und Vlad Georgescu unter Bezug auf ihr neues Buch "Brennpunkt Deutschland - Warum unser Land vor einer Zeit der Revolten steht". Lesen Sie dazu einen exklusiven Buchauszug bei Lifegen.de.
Politiker und Wirtschaftsexperten üben sich darin, die Arbeitslosigkeit als bestimmenden Faktor für Armut auszublenden. Dabei hat Arbeitslosigkeit maßgeblich Anteil an deren Entwicklung – und das nicht nur in materieller Hinsicht. Echte Finanzsorgen verwandeln den täglichen Einkauf in ein Konsumroulette, Mehrfachbelastungen potenzieren sich. Beengte und schlechte Wohnverhältnisse, eine hohe Verschuldung und nicht zuletzt die Brandmarkung durch Boulevardblätter und öffentliche Meinung, auf Gemeinschaftskosten der eigenen Behäbigkeit zu frönen, finden sich viele im gesellschaftlichen Abseits wieder.
Natürlich ist Armut nicht gleich Armut. Um zwischen den Entbehrungen der Menschen in den Entwicklungsländern und dem sozio-ökonomischen Niveau Bedürftiger in den Industrienationen zu unterscheiden, führte der ehemalige Präsident der Weltbank, Robert McNamara, zwei Begriffe ein: für erstere den der absoluten Armut, für letztere den der relativen Armut. Der Messbarkeit wegen nutzen die Vereinten Nationen den Indikator „ein Dollar pro Tag“ für die absolute Armut. Die relative Armut drückt dagegen eine soziale Ungleichheit innerhalb eines Landes aus: Hier wird der Lebensstandard unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen verglichen. Als einkommensschwach gilt, wem weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens von Haushalten mit gleicher Personenzahl zur Verfügung steht, als relativ arm, wer mit weniger als 50 Prozent auskommen muss und als streng arm, wer weniger als 40 Prozent nutzen kann.
Erstaunlich sind die wissenschaftlichen Befunde, die der tatsächlichen relativen Armut die „gefühlte Armut“ gegenüber stellen. Demnach grassiert die gefühlte Armut unter Arbeitslosen wie eine Seuche: Während nur knapp 17 Prozent der Einkommensarmen, die Arbeit haben oder nicht auf Arbeitssuche sind, mit ihrem Leben unzufrieden sind, hadert mehr als Drittel der einkommensarmen Arbeitslosen mit ihrem Dasein. Selbst bei Arbeitslosen, deren Einkommen oberhalb der üblichen Armutsgrenzen liegen, ist die Unzufriedenheit stärker. Laut Sozio-ökonomischem Pannel (SOEP) waren 64 Prozent der Arbeitslosen trotz ausreichenden Einkommens von Zeit zu Zeit trübsinnig. Das Motto „lieber arm als arbeitslos“ erfährt unter diesem Aspekt einen ganz neuen Sinn.
Neben den Arbeitslosen sind es Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Ausländer, die viel häufiger in Armut geraten als der Rest der Bevölkerung . Gestern war Deutschland noch mit dem Problem der Altersarmut konfrontiert, heute sind Ältere dank der Rentenerhöhungen der vergangenen Jahrzehnte seltener arm als der Bevölkerungsdurchschnitt. Die Spitze der neuen Risikogruppen bilden Kinder – wie die Zahlen belegen, beginnt das Rückgrat unserer Gesellschaft zu bröckeln: Kinderarmut, vor allem bei den jüngsten unter sieben Jahren, ist an der Tagesordnung und nimmt ständig zu. In den westlichen Bundesländern lebt bereits jedes achte und in Ostdeutschland jedes fünfte Kind in Haushalten, die von Armut betroffen sind (siehe Kapitel neue Armut). Im Gefolge wachsender Arbeitslosigkeit und zunehmender Anteile von Alleinerziehenden verarmen immer mehr Familien mit mehreren Kindern. Schon zu Beginn der 1980er Jahre waren Familien, in denen mindestens ein Mitglied arbeitslos war, drei Mal so häufig arm wie anderer Bevölkerungsgruppen, und noch immer beträgt das Armutsrisiko Arbeitsloser 30 Prozent. Arbeitslosigkeit setzt einen Prozess des physischen und psychischen Verfalls in Gang, der nur mit erheblichem Aufwand – und mit politischem Weitblick – zu stoppen ist.
Je länger die Arbeitslosigkeit andauert, desto verheerender sind ihre Folgen für den Einzelnen, die Familie, die nachfolgende Generation und letztlich für die Gesellschaft. Die Zahl derer, die ein Jahr und länger ohne Job sind, ist beängstigend hoch. Rund ein Drittel aller Arbeitslosen sind Langzeitarbeitslose. Demgegenüber lag ihr Anteil an allen Arbeitslosen 1980 noch bei 15 Prozent. Der Zusammenhang zwischen Alter und Langzeitarbeitslosigkeit ist unübersehbar: 1,3 Prozent der unter 20jährigen sind länger als ein Jahr arbeitslos, dagegen mehr als 59 Prozent der 55- bis 60jährigen. Vor allem in den östlichen Bundesländern ist der Anteil der Frauen an den Langzeitarbeitslosen besonders hoch, denn dort beträgt er doppelt so viel wie der der Männer . In punkto Extremlangzeitarbeitslosigkeit wird Deutschland der unrühmliche Titel eines Europameisters zuteil. In keinem anderen europäischen Land leben mehr Menschen, die länger als 24 Monate ohne Job sind – 3,5 Prozent sind es derzeit. Einen ersten Nachkriegsrekord verzeichnete der Deutsche Gewerkschaftsbund 1998.
Für den Volltext-Zugang zu unseren Inhalten bitte mit Ihrem Usernamen/Passwort hier einloggen, wenn Sie bereits zahlender Abonnent von LifeGen.de sind. Passwort vergessen?
Falls Sie kein zahlender Abonnent sind, dann können Sie unseren ClickandBuy Service nutzen.
Bestellen Sie unseren KOSTENLOSEN Newsletter mit dem Nachrichten-Überblick