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Baxter-GAU: Warum Angela Merkel Pharmakonzerne verstaatlichen muss

Während Politiker über OPEL und Rezession debattieren befindet sich Deutschland mitten im größten Seuchen-GAU der vergangenen Jahrzehnte – und keiner in der Bevölkerung bekommt es richtig mit. Bereits am 6. Februar 2009 hatte der amerikanische Pharmariese Baxter Healthcare festgestellt, dass bei seinen Werken in Europa etwas nicht stimmt. Und tatsächlich: Hoch pathogene H5N1 und womöglich auch H3N2 Viren verseuchten ohne jegliche Kontrolle Labore in gleich vier Ländern der EU. Besonders brisant: Die Viren gelten als potenzielle Pandemie-Kandidaten, Experten zeigen sich über Baxter und die Kette der Fehler im System entsetzt. Die Kanzlerin muss jetzt handeln, weil Deutschland direkt betroffen ist – und die Verstaatlichung der Pharmakonzerne im Interesse des Gemeinwohls erwägen, weil die privaten Kontrollen der Branche offensichtlich ebenso viel taugen wie jene der Bankenwelt vor der Finanzkrise. Nur der Ausgang wäre am Ende ein anderer.
Vlad Georgescu kommentiert


Nach neusten Angaben scheinen die Erreger aus den USA über die Österreichische Firma Avir Green Hills Biotechnology an weitere vier Kontrakt-Unternehmen verteilt worden zu sein, darunter auch nach Deutschland. Betroffen sind zudem Slowenien und Tschechien. Die Proben seien versehentlich mit dem H5N1 Virus kontaminiert worden und stammten aus dem Baxter-Werk in Deerfield, Illinois, hieß es zunächst aus Insiderkreisen. Mittlerweile wird auch über einen Fehler im österreichischen Baxter-Forschungswerk in Orth-Donau als Ursache spekuliert. Ebenso erscheint eine folgenschwere Verwechslung bzw. Vermischung der gelieferten H5N1 und H3N2 Chargen als wahrscheinlich. Und genau das lässt den Fall, wie gesagt praktisch unbemerkt von der Bevölkerung, zum Tschernobyl der Virenforschung avancieren: H3N2 nämlich gehört zu den auch für den Menschen gefährlichen, weil übertragbaren Vogelgrippe-Erregerstämmen. Eine Vermischung, Verwechslung oder einfach der versehentliche Versand kommt daher einem Seuchen-GAU gleich.

Die Folgen wären im schlimmsten Fall kaum absehbar. Als wahrscheinlich gilt die Annahme einer Pandemie, H5N1 und H3N2 zählen zu jenen viralen Komponenten, aus denen der Supererreger der Zukunft entstehen könnte. Dass es zu einer Pandemie kommen wird, bezweifelt niemand. Dass ausgerechnet einer der größten Pharmahersteller seine Sicherheitsmaßnahmen so wenig unter Kontrolle hat, dass er theoretisch zum Pandemie-Auslöser mutieren könnte, schien undenkbar.

Doch genau dieser Schein der Sicherheit trügt. Aufgefallen ist der virale Ultra-Unfall bei Baxter nur, weil Versuchstiere in Europa plötzlich verendeten. Rund 37 Menschen hatten zu den Chargen Kontakt, es ist von Glück zu reden, dass niemand erkrankte. Zur pandemischen Kettenreaktion kam es dieses Mal wohl nicht.

Umso erstaunlicher die Tatsache, dass Pharmakonzerne praktisch unkontrolliert mit Viren hantieren dürfen. Es so brutal auszudrücken ist nach dem Fall Baxter legitim: Die Weltgesundheitsorganisation WHO konnte erst nach dem GAU reagieren – nicht davor. Auch die europäische Seuchenbekämpfungsbehörde erweist sich als machtloser Papiertiger: Ebenso wie die Finanzmärkte bleiben auch Pharmakonzerne in vielen Bereichen des Laboralltags praktisch unkontrolliert.

Schon lange dümpeln hingegen wichtige Behörden auf Grund mangelnder Finanzmittel dahin. Das Robert Koch Institut, einst weltweit anerkannte Institution, sei nicht einmal mehr in der Lage, eigene Forschung in ausreichendem Maße zu betreiben, verriet mir einer der Direktoren der Behörde. Outsourcing bei den Überwachungsorganen führt aber zu Baxter-GAUs. So einfach muss man sich die Analyse leider machen.

Es gäbe einen Ausweg. Deutschland verfügt über eine exzellente Forschung, die an Universitäten, Max Planck – Instituten oder Instituten der Blauen Liste durchgeführt wird. Vakzine entstehen oft zunächst am Reißbrett solcher Einrichtungen. Die Pharmaindustrie betont ihre Forschungsausgaben, nur: Wenn der Staat über 100 Milliarden allein für die marode HRE hat, kann er locker die rund sechs Milliarden, so hoch ist der Anteil der Pharmakonzerne am Forschungsetat, aufbringen. Pharmakonzerne in sensiblen Bereichen wie H5N1 zu verstaatlichen wäre auch aus einem anderen Grund angebracht: Im Vergleich zur Finanzkrise würde die kommende Virenkrise einen anderen Ausgang nach sich ziehen – Millionen von Toten weltweit wären die Folge. Die Kanzlerin ist Physikerin, die Welt der Labore ist ihr vertraut. Den Fall Baxter kann sie als Chance aufgreifen, die längst fällige Verstaatlichung im Pharmasektor einzuleiten – bevor es zu spät ist.

Vlad Georgescu ist Diplom-Chemiker und Journalist. Als Editorial und Managing Director leitet er gemeinsam mit Marita Vollborn das auf life sciences spezialisierte Online-Magazin LifeGen.de. Georgescu hat sechs Sachbücher mitgeschrieben und ist Mitglied der Wissenschaftspressekonferenz (WPK)

Lesen Sie dazu auch folgendes Exklusiv-Interview über die drohenden sozialen Unruhen in Deutschland und weitere akute Risiken für die Bundesrepublik

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(2009-02-27)

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