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Most Wanted: Mafia entdeckt Deutschlands Schlüsseltechnologien

Zum Thema Mafia gibt es viele Bücher und noch mehr selbsternannte Experten. Doch während die harten Fakten der Ermittlungsbehörden in erster Linie die illegalen Geschäfte der organisierten Kriminalität beschreiben, avancieren Schlüsselbereiche der deutschen Wirtschaft zum Investitionsmagneten für Clans aus aller Welt. Dass dabei nur Drogengelder gewaschen werden ist ebenso ein Märchen wie die Annahme, wonach Mafia-Clans ausschließlich illegal operieren - die größten Gewinne versprechen profitable Industriezweige, die bisher potenten Großunternehmen vorbehalten waren. von Vlad Georgescu



Tatsächlich gehört der Bereich Medizintechnik zu den attraktivsten Branchen, in die Mafia-Clans investieren können. Der weltweite Umsatz beläuft sich auf rund 260 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Allerdings gibt es für die Bundesrepublik ein paar besonderheiten, wie eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung attestiert. Darin heißt es: „Deutschland ist bei medizintechnischen Produkten mit einem Welthandelsanteil von knapp 15 Prozent nach wie vor zweitgrößter Exporteur hinter den USA, hat aber gegenüber 1991 (Anteil damals: 20,3%) fast sechs Prozentpunkte verloren“, und: Mit im Schnitt 78 Beschäftigten pro Betrieb ist die Medizintechnik sehr viel stärker klein und mittelbetrieblich strukturiert als die gesamte deutsche Industrie mit durchschnittlich 130 Beschäftigten“.

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Die Zahlen freilich stammen aus dem Jahr 2002 – und im entscheidenden gesundheitspolitischen Aspekt hat sich nichts geändert.

Die Sonderstellung Deutschlands lässt sich nämlich durch die Erstattungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung erklären, wie das BMBF-Papier dokumentiert: „Die Einführung neuer Medizinprodukte hängt neben der Höhe der Kosten für Forschung und Entwicklung (FuE) und den Kosten für die Zulassung entscheidend von der Erstattungsfähigkeit durch die Kassen ab. Produkte, die nicht durch die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) erstattet werden, sind auf dem deutschen Markt kaum überlebensfähig“.

Für erfolgreiche MedTech-Firmen gleicht dieser Passus einer Lizenz zum Gelddrucken. So kosten bestimmte Katheterschläuche aus PET Hunderte von Euro – das gleiche Material, in Form von Pfandflaschen gepresst, wäre auf den realen Markt nur wenige Cent wert. Auch Kochsalzlösungen mit einem Natriumchlorid-Gehalt von rund einem Prozent übertreffen den Gewinn von Kokain oder Heroin um mehr als das Hundertfache. Wer die Finessen der Branche kennt weiß, dass Investitionen in diesem Bereich Renditen hervorspringen lassen, mit denen die illegalen, klassischen Geschäfte der Organisierten Kriminalität kaum mithalten können.

Kein Wunder demnach, dass das BMBF eine entsprechend hohe Gründerdynamik beobachtete: „Die Medizintechnik-Branche zeigt eine überdurchschnittliche Aktivität in Unternehmensgründungen“, Allein zwischen 1995 und 2002 entstanden in Deutschland 9.300 Unternehmen im Bereich Medizintechnik. Dabei gilt die Devise: Wer Geld hat kann forschen und entwickeln – wer über die zusätzliche politische Einflussnahme verfügt, darf verkaufen.

Offiziell übernehmen diese „Überzeugungsarbeit“ ganz legal jene Lobbygruppen, die sich beim Deutschen Bundestag registriert haben und in den Anhörungen des Gesundheitsausschusses zu Wort kommen. Was die Pharmaindustrie seit Jahrzehnten perfekt beherrscht, dürfte die Mafia weitaus besser umsetzen: Die Entscheidungswege sind kürzer, das Geld vorhanden – und die skurrile Gesetzgebung in Deutschland machte illegale Aktivitäten ohnehin überflüssig.

Online-Medien, Nanotech und LifeSciences

Was die Medizintechnik exemplarisch aufzeigt, gilt für alle Branchen, die zwar eine rosige Zukunft, aber derzeit keine Gewinne versprechen: Online-Medien, Nanotech und LifeSciences. Niemand zweifelt daran, dass sich diese Technologien gerade am beginn der Kondratieff-Zyklen befinden und das noch junge Jahrhundert prägen werden- Ebenso offensichtlich ist jedoch auch die Tatsache, dass die meist jungen Unternehmen an chronischem Geldmangel leiden und selbst etablierte, große Online-Medien so gut wie keine Gewinne erwirtschaften.

Für Mafia-Clans ist diese Konstellation geradezu perfekt. Denn diese Schlüsseltechnologien lassen sich durch Übernahme oder Beteiligungen der entsprechenden Firmen sichern – wohl wissend, dass direkte Gewinne damit nicht erwirtschaftet werden. Gleichwohl sind, aus Sicht der Clans, derartige Investitionen mehr als sexy.

Beispiel Online-Medien: Erfolgreiche Portale versprechen die zunehmende Beeinflussung der politischen Entscheidungsträger und der Print-Pendants. Wie weit die Macht der Webzines reicht musste beispielsweise der US-Pharmahersteller Baxter erfahren, als wir bei LifeGen.de über Kontaminationen mit tödlichen Vogelgrippe-Erregern in gleich vier europäischen Labors berichteten. Auch die globale Berichterstattung der Meinungsführer über Stuxnet stammt aus den Weiten des WWW – der Trojaner avancierte zum Politikum.

Beispiel Nanotech: Zwar sind Risiken und Nebenwirkungen der Technologien weitgehend unerforscht, Produkte am Markt bleiben zudem rar. Wer jedoch Nanotech-Firmen besitzt oder kontrolliert sichert sich schon heute über Patentanmeldungen Rechte, die später einen Milliardenmarkt versprechen – indem sie die Entwicklung weiterer Patente blockieren oder neue Innovationen davon abhängig machen.

Die Verkettung zwischen Investitionskraft und F&E der kontrollierten Unternehmen könnte die Mafia zu entsprechenden Investments animieren. Mit Geldwäsche freilich hätten derartige Konstellationen nur noch sekundär zu tun, die Investitionen dienten der Positionierung in den Schlüsselbereichen der Zukunft.

Dass die Mafia diese Positionen besetzt, ist mehr als wahrscheinlich. Dass sich die übernommenen Firmen dagegen wehren würden, bleibt indes eher eine Illusion. Denn die Übernahmen werden sich aller Voraussicht nach ganz legal über Kapitalbeteiligungen vollziehen – wer wirklich am anderen Ende der Pipeline steckt, wüsste vermutlich niemand.

LifeGen.de hat am 30.4.2012 seine aktuelle Berichterstattung eingestellt. In der Serie "Most Wanted" bringen wir die meistgelesenen Artikel aus den Jahren 2001 - 2012. Die Inhalte wurden dabei nicht mehr aktualisiet. Sie haben daher einen rein dokumentarischen Charakter. Der vorliegende Artikel erschien ursprünglich im April 2011 bei LifeGen.de


(2012-05-28)

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