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Erst Mumbai, dann Atomterror - Die Wächter des Weltfriedens

Foto: DOE
Die verheerenden Terroranschläge im indischen Mumbai verdeutlichen vor allem eins: Die internationale Terrorszene ist nach wie vor logistisch intakt und in der Lage, weltweit im großen Stil zu agieren. Doch die konventionellen Bomben, die Indien und Barack Obama als President-elect erschütterten, sind womöglich nur der Auftakt zu einem weitaus bedrohlicherem Szenario: Die Gefahr des zunehmenden Atom-Terrorismus hielt der BND schon vor Jahren für real. Aus gegebenem Anlass wiederholen wir unsere Story DIE WÄCHTER DES WELTFRIEDENS, die an Aktualität nicht verloren hat.


Das Gebirge ist nahezu unzugänglich, schon immer trotzte der Hindukusch jeglicher Kontrolle. Wo genau Afghanistan aufhört, und an welcher Stelle Pakistan beginnt, ist kaum auszumachen – hier in den Gebieten der Federal Administered Tribal Areas (FATA) kontrollieren die Amerikaner und die NATO so gut wie nichts. Ein optimales Refugium für Terrorzellen, die seit dem 11. September 2001 insgeheim an den Bau nuklearer Waffen arbeiten – und diese nun erstmals in den von Höhlen durchzogenen Tora Bora-Bergen testen. von Marita Vollborn und Vlad Georgescu


Vier Stunden nach dem Aufbau der weltweit ersten von Terroristen zusammengefügten Atombombe gibt die Gruppe aus sicherer Entfernung über Funk das Signal zum Zünden. Die Kraft der nuklearen Detonation macht zwar lediglich ein Zehntel der 1945 in Hiroshima gezündeten Variante aus – doch die Explosion lässt im inneren des Tora-Bora Gebirges Gestein zu Glas schmelzen - und die Erde wellenartig in Bewegung geraten.

Nur wenige Minuten nach dem nuklearen Test im Niemandsland informieren die Terrorbrigaden über eine Satelliten-Telekommunikationsanlage ihre Mitstreiter in Berlin. Dort lagert, von deutschen Behörden unerkannt, eine baugleiche Version der Bombe in einem LKW. Das Berliner Selbstmordkommando wartet auf den Anruf aus dem Hindukusch – erst der positive Ausgang des Atomtests dort liefert den endgültigen Beweis für die Funktionstüchtigkeit der nuklearen Waffe. Jetzt endlich legt das Selbstmordkommando los.

Die Explosion der Nuklearwaffe im Herzen der Stadt ist verheerend. Im Bruchteil einer Sekunde und in einem Radius von drei Kilometern rund um die Explosion verdampfen auf einen Schlag 40.000 Menschen. Weitere 25.000 sterben wenig später infolge der sich ausbreitenden Druckwelle, die alles niederwalzt, was sich ihr in den Weg legt. Die einsetzenden Flammen wiederum lassen etliche Menschen noch in zehn Kilometern Entfernung verglühen – und nachdem das Inferno vorbei ist, geht ein radioaktiver Regen über die Stadt nieder, der in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weitere Tausende an Leukämie, Schilddrüsenkrebs und anderen Tumorerkrankungen elendig verenden lassen wird.

Ein Horrorszenario, wie es schrecklicher nicht sein könnte – und das Sicherheitsexperten für möglich halten. Denn die Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Schlags durch Terroristen ist groß. „Die zunehmende Verbreitung von ABC-Waffen hat zur Folge, dass es für kriminelle, terroristische oder sektiererische Gruppierungen einfacher wird, sich Massenvernichtungsmittel zu verschaffen“, warnt etwa der in Pullach ansässige Bundesnachrichtendienst (BND) in einem Papier, das LifeGen.de vorliegt´, und: „Die Damit einhergehende Verbreitung (Proliferation) dieser Massenvernichtungsmittel in Regionen außerhalb des Gebietes der NATO und des ehemaligen Warschauer Paktes bedeutet eine ernsthafte und wachsende Gefährdung des Weltfriedens“.

Mit dieser Meinung steht der BND nicht allein. Der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohammed Al-Baradei, gab gegenüber dem britischen Nachrichtensender BBC ungewohnt offen zu, dass die nukleare Terrorgefahr offensichtlich sei und „wir im Moment ein Wettlauf gegen die Zeit haben, den wir uns nicht leisten können“.

Ob schmutzige Bombe oder „richtiges“ Pendant – längst stellen sich Sicherheitsexperten wie Karl-Heinz Kamp vor allem eine Frage: „Wie wäre etwa die Bundesrepublik Deutschland auf einen Terroranschlag mit derartigen Massenvernichtungsmitteln vorbereitet?“ Die vom Leiter der Abteilung “Planung und Grundsatzfragen” in der Konrad-Adenauer-Stiftung angesprochene Problematik zeigt auf, dass eine nukleare Bedrohung der Bundesrepublik besteht – erstmals seit Ende des Kalten Krieges durch Terrorgruppen, nicht durch Raketen des ehemaligen Warschauer Paktes.

Während selbst Länder wie Korea, Indien und Pakistan mittlerweile ganz offiziell mit ihrem nuklearen Bestand aufwarten, und Nationen wie der Iran trotz aller Schwierigkeiten in Sachen Atompolitik wenigstens auf staatlicher Ebene verhandeln, gleicht der drohende Atomterrorismus den Reitern der Apokalypse aus der Offenbarung Johannes. Sie bringt, wenn der Bau der Bombe gelingt, den unausweichlichen Massentod. Dass indes Terroristen irgendwo an der Entwicklung und den Bau von Atomwaffen arbeiten, bezweifelt niemand mehr. Die Frage aber lautet nur: wo?

Wächter des Weltfriedens

Das rechtzeitig herauszufinden gehört zum Job von Jörg Schlittenhardt und seinen Kollegen von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Zusammen mit einem knappen Dutzend weiterer Forscher arbeitet der Geophysiker in 24-stündiger Rufbereitschaft: er gehört zum deutschen Team der international wirkende und von der UNO ins Leben gerufenen Überwachungsinstitution CTBTO, die seit 1997 in Wien ihren Hauptsitz hat.

Mit Hilfe eines einzigartigen, weltweit operierenden Mess- und Beobachtungsnetzes registriert die zivile Organisation jede noch so kleine Erschütterung – zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Über 150 Stationen sind derzeit rund um den Globus in Betrieb – die deutsche BGR liefert gleich fünf High-Tech Posten zur globalen Überwachung. Zum friedlichen Arsenal der Atombombenwächter gehören Drucksensoren, Unterwasserschall-Stationen, Infraschallsensoren und Anlagen zur Messung radioaktiver Substanzen. „Das Ziel des Netzes ist es, bereits kleine Atomexplosionen von einer Kilotonne Sprengkraft weltweit zu registrieren“, erklärt Schlittenhardt das hehre Ziel. Dazu sollen demnächst insgesamt 321 Stationen aufgebaut werden. Weil nach einem Atomtest je nach Austragungsort immer unterschiedliche Wellen die Explosion verraten, setzt die CTBTO auf ein vielschichtiges Netz: „Die Idee dabei ist, alle Sphären der Erde in Echtzeit zu überwachen“, sagt Schlittenhardt.

Tatsächlich registrieren derzeit 50 sogenannte Primärstationen, gewissermaßen das Rückgrat des Systems, jede Erschütterung und senden die Daten in Echtzeit an die jeweiligen Rechenzentren. So flackerten auch in Hannover auf den Monitoren des Nationalen Rechenzentrums (NDC)Anfang des Jahres die Lichter auf, als im Iran eine Rakete gezündet wurde. Ob in so einem Fall ein nuklearer Hintergrund besteht, lässt sich aber anhand der gemessenen seismischen Daten allein noch nicht sagen. Erst wenn die ebenfalls weltweit gestreuten Radionuklid-Messstationen radioaktive Partikel einfangen, ist die Atomexplosion als solche identifiziert. „Wir sprechen dann vom Smoking-Gun Beweis“, sagt Schlittenhardt.

Neben den Seismographen, die das Zittern der Erde aufzeichnen, verfügt die CTBTO noch über 11 Stationen in den Weltmeeren. Diese fangen den Schall aus der Tiefe des Ozeans auf, sobald eine nukleare Explosion unter Wasser erfolgt. Dass lediglich 11 Sonden ausreichen, um drei Viertel der Planetenoberfläche zu überwachen, hat einen einfachen Grund: Im Wasser verbreiten sich im Falle einer Unterwasser-Atomexplosion die Schallwellen innerhalb bestimmter Bahnen. „Die Wellenausbreitung erfolgt in 1000 Metern Tiefe wie in einem Kabel“, erklärt Schlittenhardt das Prinzip, und: „Einmal eingefangen, kommen die Wellen aus diesem Leitungsband nicht mehr hinaus“. Den lediglich 11 Stationen entgeht auf diese Weise nichts – denn sie „horchen“ gewissermaßen eben diese Verbreitungswege der verräterischen Wellen ab.

„Der deutsche Beitrag mit seinen insgesamt fünf Stationen reicht aus, um faktisch nahezu die ganze Welt im Auge zu behalten“, betont daher die BGR in Hannover. Tatsächlich hat die Behörde jeweils zwei seismische und zwei Infraschallstationen aufgebaut – von denen je eine in der Antarktis steht. Die fünfte Station, eine Messanlage für Radionuklide im südlichen Schwarzwald, betreibt das Institut für Atmosphärische Radioaktivität der Bundesanstalt für Strahlenschutz.

Warum die Wächter der Atomtests neben den heimischen ausgerechnet noch antarktische Gefilde bevorzugen, erklärt BGR-Forscher Gernot Hartmann: „Dort ist es, vom Wind abgesehen, unheimlich still. Der Schnee dämpft alle unliebsamen Geräusche und Erschütterungen“. Tatsächlich sind für die von Hartmann geführten Infraschall-Stationen Stille und Abgeschiedenheit von großer Bedeutung. Denn im Vergleich zu den seismischen Pendants registrieren Hartmann und seine Kollegen keine Erdbewegungen, sondern besonders tiefe Schallwellen. Diese bezeichnen die Wissenschaftler als Infraschall. Dazu vernetzen sie über ein kompliziertes System hochempfindliche Drucksensoren miteinander. Detoniert irgendwo auf der Welt eine Bombe, zeichnet das System den Knall auf, weil sich vom Ort der Explosion eine noch so kleine Druckwelle ausbreitet.

Auf diese Weise „hörten“ die BGR-Forscher am 13. Mai 2000 die Detonation in Enschede, als dort 100 Tonnen Sprengstoff in die Luft flogen: nach 26 Minuten waren die Infraschallwellen bei der Station IS26 in der Antarktis angelangt. Auch am 6. April 2002 leuchtete es auf den Monitoren der BGR auf – ein über Garmisch-Partenkirchen durch die Atmosphäre rauschender Meteor erzeugte „eine Bugwelle aus Infraschall“, wie Hartmann sich heute noch erinnert. Selbst die 1235 Kilometer entfernte Eruption des Ätna auf Sizilien am 25. Juli 2001 reichte noch aus, um in der Antarktis ein winziges Drucksignal auszulösen. Wie aber aus den Schallwellen erkennen, wann es nuklear kracht? Anhand von Schallprofilen, die ein Computer speichert, und die anschließend mit den jeweils gemessenen Daten abgeglichen werden, erhoffen sich die BGR-Wissenschaftler darüber zumindest Anhaltpunkte. Das Muster des Nukleartests von jenem einer Chemiefabrikdetonation zu unterscheiden ist für Infraschallexperten wie Hartmann dennoch schwer. Denn im Vergleich zum seismischen Pendant, bei dem Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten Erschütterungen der Erde nach Atomtests registrieren, ist die Infraschallmethode noch Praxis-unerprobt: „Uns fehlt derzeit die Möglichkeit, konkrete Schallmuster für Atombombenexplosionen zu archivieren, weil im Moment kein Staat oberirdisch oder im Weltall nuklear testet“, sagt Hartmann. Und doch: gerade das feine „Gehör“ der Antarktis-Anlage dürfte nukleare Terrorbekämpfer begeistern. Denn den Drucksensoren bleiben selbst kleine Explosionen nicht verborgen – herauszufinden, wo und was genau passierte bliebe dann allerdings Sache der Geheimdienste oder Militärs.

Ohnehin betonen die Forscher der BGR ihre rein zivile Ausrichtung. „Unsere Aufzeichnungen sind kein Geheimnis, jede Universität kann darauf zurückgreifen“, erklärt Schlittenhardt. Neben der Öffentlichkeit profitiert auch das Auswärtige Amt in Berlin vom Know-how der Wächter in Hannover – alles, was dem BGR Team verdächtig vorkommt, erhält Joschka Fischers Ministerium übermittelt. Für Terrorkommandos hingegen dürfte das Auge der CTBTO ein zunehmendes Hindernis auf den Weg zur begehrten nuklearen Waffe werden. Gerade die Vernetzung der globalen Stationen führt nämlich zu unabhängigen, durchaus glaubwürdigen Aussagen. So muss in Zukunft niemand mehr darauf vertrauen, was US – amerikanische Geheimdienste allein behaupten. Hätte die UNO ihrer eigenen Organisation CTBTO mehr vertraut als den Äußerungen des damaligen Außenministers Colin Powell – die Sage um atomare Anlagen und mögliche Atomprogramme im Irak wäre möglicherweise Legende geblieben.

Für die Menschen in den potenziell bedrohten Städten bleibt daher trotz der ernstzunehmenden Bedrohungslage eine begründete Hoffnung: Ohne einen vorherigen Test dürfte sich für kein Terrorkommando ein nuklearer Anschlag lohnen. Die Bombe könnte sich nämlich als Blindgänger erweisen. Wenn es aber irgendwo nuklear zu Testzwecken knallt, dann sind sie rund um die Uhr da. Schlittenhardt, Hartmann, und die anderen von der BGR. Und mit ihnen die restlichen, weltweiten Wächter der CTBTO.


(2008-11-28)

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