Die Fragen rund um die Impfung gegen die Neue Influenza (Schweinegrippe) häufen sich. Immer mehr Anrufer melden sich in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Sie wollen wissen, wer sich impfen lassen sollte, warum gerade junge Menschen von der Schweinegrippe besonders betroffen sind oder warum es unterschiedliche Impfstoffe gibt. Professor Dr. Matthias Stoll, Oberarzt der MHH-Klinik für Immunologie und Rheumatologie, hat diese Fragen beantwortet.
Wer sollte sich impfen lassen?
Im Grunde sollte sich die gesamte Bevölkerung impfen lassen, denn die zweite Welle der Neuen Influenza könnte schlimmer verlaufen und zu Todesfällen auch in Deutschland führen. In den USA hat gerade ein massenhafter Andrang auf die Stellen begonnen, die impfen. Die Reihenfolge, in der die Menschen – gemäß den Empfehlungen der deutschen Behörden und nach wissenschaftlich basierten Überlegungen – immunisiert werden sollen, sieht so aus*:
1. Beschäftigte in der Patientenversorgung
2. Chronisch kranke Personen ab einem Alter von sechs Monaten
3. Schwangere (vorzugsweise ab dem vierten Monat) und Wöchnerinnen
4. Haushaltskontaktpersonen für ungeimpfte Risikopersonen (siehe 2. und 3.
und Säuglinge unter sechs Monaten)
5. Alle übrigen Personen ab einem Alter von sechs Monaten bis 24 Jahren
6. Alle übrigen Personen von 25 bis 59 Jahren
7. Alle übrigen Personen ab 60 Jahre.
Die Reihenfolge gibt gleichzeitig auch die Vorrangigkeit an, mit der die Impfung in diesen Zielgruppen durchgeführt werden soll. Beschäftigte in der Patientenversorgung stehen also ganz oben im Fokus.
Warum sollen sich junge Menschen vorrangig vor den Älteren impfen lassen?
Alle Daten belegen, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene besonders häufig und auch besonders hart von der Schweinegrippe getroffen werden. Die erste Welle der Neuen Influenza hat gezeigt, dass in erster Linie junge Menschen ohne jede Vorerkrankungen und auch Schwangere schwer erkrankt sind. Das gilt auch für Europa und auch für das bisher wenig betroffene Deutschland. In der Altersgruppe der über 50-Jährigen gibt es hingegen sehr wenige Erkrankungsfälle. Diese Betroffenen mussten im Gegensatz zu den Jungen vor allem dann in die Klinik eingeliefert oder sogar beatmet werden, wenn weitere Erkrankungen bestanden. Der wesentliche Grund dafür könnte sein, dass sich Ende der fünfziger Jahre ein dem jetzigen Schweinegrippe-Virus ähnliches Influenzavirus in einer Epidemie verbreitet hatte. Die ältere Bevölkerung, die sich damals infiziert hatte, scheint also über eine so genannte Kreuzimmunität in gewissem Maß geschützt zu sein.
Warum werden die Beschäftigten im Gesundheitswesen zuerst geimpft?
Es gibt mehrere Gründe – und dabei geht es nicht nur um den Eigenschutz, sondern auch darum, den Schutz für unsere Patienten und die Bevölkerung zu gewährleisten. Beschäftigte im Krankenhaus sind nicht nur selbst exponiert und dadurch gefährdet, sondern ungeimpft gefährden sie potenziell auch die Patienten. Außerdem ist es für die Bevölkerung extrem wichtig, dass auf dem Gipfel einer Grippewelle nicht als erstes die Krankenhäuser wegen hoher Krankenstände geschlossen werden müssen. Dies ist in den vergangenen Wochen auf der Südhalbkugel unserer Erde bereits an einigen Stellen wegen der Schweinegrippe geschehen.
Sollten auch Kleinkinder und Schwangere geimpft werden?
Die Empfehlungen für Kleinkinder besagen, dass sie vorrangig geimpft werden sollen, soweit die Kinder älter als ein halbes Jahr sind. Dabei wird für Kinder unter zehn Jahren eine reduzierte Impfdosis des adjuvantierten Impfstoffs Pandemrix® empfohlen.
Bei Schwangeren bestehen zwar einerseits Bedenken gegen beide Impfstoffe, vor allem weil beide aus ethischen Gründen an Schwangeren nicht geprüft werden konnten. Andererseits wird aber die Impfung wegen des hohen Erkrankungsrisikos für Schwangere in einer Schwangerschaft ab dem vierten Monat empfohlen – dann mit dem nicht-adjuvantierten Impfstoff Celvapan®. Pandemrix® enthält außer den Adjuvantien eine Vitamin A-Beimischung und wird daher wegen der Gefahr einer Schwangerschaftshepatopathie (Lebererkrankung) nicht empfohlen.
Wo kann ich mich impfen lassen?
Für die Impfung ist Ihr Hausarzt die richtige Anlaufstelle. Beschäftigte, die in Kliniken tätig sind, werden über den Betriebsärztlichen Dienst geimpft. Viele andere Unternehmen bieten einen solchen Service ebenfalls an. Fragen Sie bei den Betriebsärzten nach. In Klinken wie der MHH werden einige Abteilungen gemeinsam mit den Betriebsärzten vor Ort eigene Impfaktionen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anbieten und durchführen.
Ab wann kann ich mich impfen lassen?
Der Impfstoff ist seit Ende Oktober verfügbar – zunächst für Beschäftigte in der Patientenversorgung, dann über Arztpraxen auch für die anderen Bevölkerungsgruppen. Achten Sie auf Veröffentlichungen in der Presse, in Ihrem Unternehmen oder fragen Sie in Ihrer Hausarztpraxis. Die MHH beginnt mit ihrer Impfaktion für die Beschäftigten in der Krankenversorgung am 4. November.
Welcher Zeitraum sollte zwischen der normalen Grippeimpfung und der gegen Schweinegrippe liegen?
Der für die deutsche Bevölkerung vorrangig beschaffte Impfstoff Pandemrix® kann zeitgleich mit anderen Impfstoffen verabreicht werden, also können Sie bei einem Arzttermin sowohl gegen die saisonale Grippe als auch gegen die Neue Influenza geimpft werden. Der Impfstoff Celvapan® hingegen darf nicht zeitgleich mit anderen Impfstoffen gegeben werden.
Reicht eine Impfung aus oder müssen es doch zwei sein?
Derzeit ist noch nicht endgültig entschieden, ob eine zweite Impfung überhaupt empfohlen wird. Falls ja, muss zwischen der ersten und zweiten Schweinegrippeimpfung ein Mindestabstand von drei Wochen liegen.
Warum gibt es überhaupt verschiedene Impfstoffe gegen die Neue Influenza?
Bei einer aktiven Impfung – Experten sprechen auch von Vakzination – wird der Impfstoff (Vakzine) in Form abgeschwächter oder abgetöteter Krankheitserreger oder Bruchstücken davon in den Körper eingebracht. Damit soll das körpereigene Immunsystem angeregt werden, spezifische Antikörper zu bilden und so eine spezifische Immunität gegen die entsprechende Infektionskrankheit aufzubauen. Celvapan® enthält das vollständig abgetötete Virus, während Pandemrix® nur die für die Ausbildung einer Abwehrwehrreaktion wichtigen Anteile der Virushülle beinhaltet. Weil Pandemrix® demnach weniger Anteile von den Schweinegrippe-Viren enthält und somit eine geringere Wirkung aufweist, müssen dem Impfstoff „Impfverstärker“ – so genannte Adjuvantien zugesetzt werden. Bei Celvapan® ist das nicht nötig, da die Masse an abgetöteten Viren für die Ausbildung der Abwehrreaktion ausreicht.
Diese „Impfverstärker“ (Adjuvantien) stehen aber in der Kritik.
Studien haben gezeigt, dass bei schweren Grippeepidemien mit sich laufend verändernden Viren Impfverstärker sehr sinnvoll sind, um ausreichend Schutz zu gewähren. Beide Impfstoffe sind in Wirkung und Nebenwirkung ähnlich. Bei Pandemrix® und auch bei Celvapan® werden in den Zulassungsdaten fast übereinstimmende sehr häufige (>10%) oder häufige (1-10%) Nebenwirkungen aufgeführt*:
Pandemrix®
Celvapan®
1
Kopfschmerzen
1
Schmerzen an der Injektionsstelle
2
Müdigkeit
2
laufende Nase und Halsschmerzen
3
Schmerzen, Rötung, Schwellung oder
Verhärtung an der Injektionsstelle
3
Kopfschmerzen, Schwindel,
Drehschwindel (Bewegungskrankheit)
4
verstärkte Schweißsekretion
4
übermäßiges Schwitzen
5
Fieber
5
Gelenk- oder Muskelschmerz
6
Muskel- und Gelenkschmerzen
6
Schüttelfrost, Ermüdung
(Müdigkeitsgefühl), Unwohlsein
(allgemeines Krankheitsgefühl), Fieber
7
Verstärktes Schwitzen, Schüttelfrost,
grippeähnliche Symptome
7
Gewebeverhärtung, Rötung, Schwellung
oder Bluterguss an der Injektionsstelle
8
Lymphknotenschwellung an Nacken,
Achsel oder Leiste
Wenn man in der Tabelle der häufigen Nebenwirkungen noch weiter nach unten schaut, findet sich insgesamt ein übereinstimmendes Profil typischer Impfreaktionen beider Impfstoffe, wie man sie auch nach anderen Impfungen kennt.
Da die Daten aus verschiedenen Studien stammen, lässt sich entgegen dem von manchen Teilen der Presse vermittelten Eindruck, dass Pandemrix® häufiger Nebenwirkungen zu verursachen scheint, nicht wirklich beweisen. Allerdings können die Impfreaktionen je nach Person unterschiedlich ausfallen. Die in Pandemrix® zugesetzten Adjuvantien (Squalen) sind schon einer Reihe von anderen Impfstoffen zugesetzt worden, somit seit mehreren Jahren auch in Grippeimpfstoffen erprobt und als unbedenklich eingestuft. Gegen beide Impfstoffe haben sich daher keine Sicherheitsbedenken ergeben. Die Einschätzung lautet daher: Der mögliche Nutzen überwiegt die möglichen Schäden.
Kann man sich für einen der Impfstoffe entscheiden?
Nein. Für die Allgemeinbevölkerung wird Pandemrix® zur Verfügung stehen. Privat- und gesetzlich Versicherte bekommen denselben Impfstoff. Nur bei Schwangeren kommt demnächst das Celvapan® zum Einsatz, sobald es verfügbar sein wird.
Und wo bekomme ich weiteren Rat?
Grundsätzlich ist Ihr Hausarzt der richtige Ansprechpartner.
Die Fragen hat Professor Dr. Matthias Stoll,
Oberarzt der MHH-Klinik für Immunologie und Rheumatologie, beantwortet
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