Interview über CERN: 'Es könnte zu einer globalen Katastrophe kommen'
Brotkrümel in der 3 Milliarden Euro teuren Anlage, sensible Datenlücken und eine erhebliche Anfälligkeit für Sabotage: Eine Reihe ganz unterschiedlicher Störfälle überschatteten den Start des so genannten Urknall-Experiments. Jetzt läuft der Countdown erneut. LifeGen.de sprach anlässlich des Neustarts am kommenden Freitag mit dem langjährigen Max-Planck-Wissenschaftler und Publizisten Dr. Rolf Froböse, der in seinem neuesten Buch „Sekunde Null. Das Urknall-Experiment" die Sicherheitslage des LHC am CERN kritisch beleuchtet hat. Fazit des Bestsellerautors, der auch "Die geheime Physik des Zufalls" schrieb: "Es könnte zu einer globalen Katastrophe kommen".
LifeGen.de: Rechnen Sie ab jetzt mit einem problemlosen Ablauf der Versuche in Genf?
Froböse: Im Gegenteil: Wegen der Vielschichtigkeit der Störfälle rechne ich nicht damit.
Da die Probleme laufend in ganz unterschiedlichen Bereichen wie der Kühlung, der Stromversorgung bis hin zum Datenschutz auftreten, muss ich davon ausgehen, dass die Betreiber die komplexe Technologie nur unzureichend beherrschen.
LifeGen.de: Welches waren die letzten Vorkommnisse?
Froböse: Die liegen gerade zwei Wochen zurück. Zum einen hat ein Stück Baguette die Probeläufe des LHC außer Gefecht gesetzt, zum anderen gibt es skandalöse Vorgänge beim Umgang mit sensiblen Daten, die von der Schweizer Sonntagszeitung aufgedeckt worden sind.
LifeGen.de: Bleiben wir zunächst beim Brot. Wie konnte so etwas passieren?
Froböse: Ein größeres Stück Baguette-Brot gelangte auf die Stromschienen der Außenanlage. Angeblich soll es kein hungriger Techniker sondern vielmehr ein Vogel gewesen sein, der das Brotstück auf die Stromschienen fallen ließ. Allerdings handelt es sich nur um Mutmaßungen. Fakt ist hingegen, dass das Teilchen zu einem Kurzschluss des Stromkreislaufs führte, wodurch es in Teilen des gekühlten Stromkreislaufs zu einer Erhitzung gekommen ist, was wiederum eine Abschaltung des gesamten Systems zur Folge hatte.
LifeGen.de: Sieht ganz nach einer Steilvorlage für künftige Saboteure aus!
Froböse: Genau. Es ist einfach nicht nachvollziehbar, wenn bei diesem sündhaft teuren Experiment Stromschienen in einer Außenanlage nicht gegen Verunreinigungen hinreichend geschützt sind. Auch Vogelkot oder andere Verunreinigungen hätten vermutlich einen ähnlichen Effekt gehabt. An dieser Stelle stellt sich ernsthaft die Frage, wie es um die Sicherheit des LHC bestellt ist, wenn erst einmal nach dem Hochfahren der Urknall-Maschine die beschleunigten Teilchen aufeinanderprallen.
LifeGen.de: Auf welchen Skandal im Bereich der Datensicherheit wollten Sie noch hinweisen?
Froböse: Dabei handelt es sich um sensible Datensätze, die das CERN für jedermann zugänglich ins Internet gestellt hat. Wie die Schweizer SonntagsZeitung berichtete, sollen über das Informatiknetz des amerikanischen MIT Tausende Datensätze abrufbar sein. Ich zitiere einmal aus der Quelle: „Wegen der bis jetzt vom CERN nicht bemerkten Datenpanne hatte alle Welt wohl über Jahre Einblick auch ins Privatleben der Kernphysiker. Ein Wissenschaftler speicherte auf der als «Privat» bezeichneten Plattform die Anzeige zum Schmuckdiebstahl seiner ukrainischen Freundin ab. Ein anderer Wissenschaftler verlangt in einem Brief von seinen Vorgesetzten eine bessere Bezahlung: «Ich stelle fest, dass meine Entlöhnung nicht den geäusserten Wertschätzungen entspricht.» Auf der öffentlich zugänglichen Computerablage finden sich auch Fotos von Kreditkarten und Pässen, Visaanträge und das Manuskript eines wissenschaftlichen Buchs.“
Dilettanten in der Öffentlichkeitsarbeit gefährden den Ruf des CERN
LifeGen.de: Sicherlich hat die Öffentlichkeitsarbeit des CERN diesen Vorfall inzwischen in eine günstigeres Licht gerückt – oder?
Froböse: Ja – allerdings in einer Art und Weise, die bisher einmalig ist. Ich empfehle die Lektüre des ausführlichen Beitrags in der Sonntagszeitung. Darin heißt es zu dem Thema unter anderem: „Das CERN spielt den Zwischenfall herunter. Die über Internet zugänglichen Daten der Wissenschaftler seien nicht privat, schreibt das Forschungsinstitut in einer Stellungnahme. Laut CERN gehört es zur «gewünschten Verfahrensweise des CERN, Informationen weltweit zu teilen».
LifeGen.de: Wie bitte, sind wir hier im falschen Film?
Froböse: Den Eindruck könnte man in der Tat bekommen. Offensichtlich sind Amateure in der Kommunikationsabteilung gerade dabei, den Ruf des CERN nachhaltig zu gefährden.
LifeGen.de: Kommen wir zum wissenschaftlichen Teil. Was würde es für die Forschung bedeuten das „Higgs-Teilchen“ tatsächlich zu entdecken?
Froböse: Das käme der Entdeckung eines wichtigen Mosaiksteins im Puzzle des Universums gleich. Das Higgs-Teilchen, populär auch „Gottesteilchen“ genannt, soll dafür verantwortlich sein, dass Teilchen überhaupt eine Masse besitzen. Der Nachweis dieses Teilchens wäre also mit einem enormen Erkenntniszuwachs verbunden
LifeGen.de: Rechtfertigt dies die Versuche und die damit verbundenen Kosten?
Froböse: Als Naturwissenschaftler stehe ich grundsätzlich hinter dem Entdeckerdrang. Beim LHC gibt es aber zwei Besonderheiten, die mich nachdenklich machen. So gibt es einerseits die Möglichkeit, dass bei den Versuchen ein winziges Schwarzes Loch gebildet wird, zum anderen besteht die Gefahr, dass die Experimente auch unwägbare finanzielle Löcher hervorrufen werden.
Gefährdungspotenzial wie beim russischen Roulette
LifeGen.de: Kann man die Gefahr ein „schwarzes Loch“ zu erzeugen in irgendeiner Weise abschätzen?
Froböse: Der Tübinger Chaosforscher Prof. Dr. Otto Rössler beziffert die Wahrscheinlichkeit mit rund 15 Prozent. Das käme einem russischen Roulette gleich.
LifeGen.de: Welche Möglichkeiten bestehen, falls es wirklich zur Entstehung eines schwarzen Loches kommen sollte?
Froböse: Entweder es zerfällt spontan, wie es Hawking postuliert hat. Oder es wächst unaufhörlich. Dann könnte es zu einer globalen Katastrophe kommen. Hinzuzufügen ist, dass Hawkings Postulat eine reine Theorie ist, die von einer vernachlässigbaren Krümmung des Ereignishorizonts eines Schwarzen Lochs ausgeht. Bei großen kosmischen Objekten ist diese Rahmenbedingung erfüllt. Auf kleine Schwarze Löcher kann diese Theorie aber gar nicht angewandt werden. Das wird gerne verschwiegen.
Die investierten Mittel wären im Rahmen der Mittelstandsförderung viel besser aufgehoben
LifeGen.de: Kommen wir zum Thema Finanzloch.
Froböse: Bisher hat der LHC über 3 Mrd. Euro gekostet, daran ist Deutschland mit 800 Mio. Euro beteiligt. Jeder Störfall schlägt mit unvorhergesehenen Unkosten zu Buche. Da kommen rasch zwei- oder dreistellige Millionenbeträge zustande.
LifeGen.de: Die Sie vermutlich lieber woanders sehen würden?
Froböse: Damit es zu keinem Missverständnis kommt. Ich bin kein Technikkritiker – ganz im Gegenteil. Dies lässt sich auch aus meinen früheren Artikeln und Büchern über Spitzentechnologie unschwer ablesen. Ich bin auch für eine starke Grundlagenforschung. Aber: Die Suche nach Higgs-Teilchen ist für mich momentan zweitrangig. Angesichts der schwierigen finanziellen Situation sollte sich der Staat genauestens überlegen, wofür er Geld ausgibt.
LifeGen.de: Wo wäre Ihrer Meinung nach das Geld am besten aufgehoben?
Froböse: Für mich ist die sinnvollste Investition die Stärkung des innovativen Mittelstands, weil dort die meisten Arbeitsplätze geschaffen werden. Die vor uns liegenden Herausforderungen – Klimawandel, Ausbau regenerativer Energien, Leichtbauweise von Fahrzeugen und viele andere mehr – sollten jetzt Vorrang genießen. Wenn diese Hausaufgaben erledigt sind, können wir gerne wieder über exotische Teilchen sprechen. In der Zwischenzeit könnte das CERN die Gelegenheit nutzen und endlich belastbare Studien zu den Risiken der Versuche vorlegen, die auch die Kritiker überzeugen und die geeignet sind, einen Konsens unter den Naturwissenschaftlern herbeizuführen.
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