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Orgasmus pur: Der G-Punkt als weibliche Prostata

Der G-Punkt gilt seit jeher als mystischer Ort der Lust - jetzt lüftet der am Mount Sinai School of Medicine in New York arbeitende Neurogenetiker Sharon Moalem in einem neuen Buch das ultimative Geheimnis: Die Stelle sei lediglich die Stelle, an dem sich die weibliche Prostata optimal stimulieren lässt. von Vlad Georgescu


Für die britische Innenministerin Jacqui Smith kam das Ende der Karriere in Form zweier Pornofilme daher. Auf Staatskosten hatte sich der Ehemann der Politikerin das Filmmaterial besorgt – die Welle der Empörung über den Spesenskandal im Juni 2009 fegte über die Insel. Womöglich hätte Smith einfach einen anderen Streifen bestellen sollen: 6 Minuten und 12 Sekunden dauert beispielsweise jene medizinisch wertvolle Sequenz im „British Cum Queen“, das vor acht Jahren – ebenfalls auf Staatskosten – die Zensurbehörde British Board of Film Classification (BBFC) bestellte. Nach ausgiebiger Betrachtung der nackten Tatsachen kamen die obersten Zensoren des Königreichs zu einem eindeutigen Ergebnis. Die in der Sexszene erkennbaren Frauen schienen auf dem Höhepunkt der Lust zu ejakulieren. Weil es aber nach damaliger ärztlicher Sicht der Dinge so etwas nicht gab, musste es sich um Urinieren handeln – und die Verbreitung derartiger Obszönitäten ist im Lande Ihrer Majestät nicht nur verpönt, sondern gesetzlich verboten.

Womöglich wird sich der Orgasmus im Zeichen der Krone neu definieren lassen. Denn Neurogenetiker Moalem präsentiert jetzt harte medizinische Fakten, die den Zensoren ihrer Majestät den Schweiß auf die Stirn treiben lassen dürften: Die weibliche Ejakulation, folgert der Amerikaner, existiert – als Motor der Lust hat er die weibliche Prostata ausgemacht.

Tatsächlich liegt die so bezeichnete Stelle hinter der Klitoris und außerhalb der Harnröhre, und damit gewissermaßen in direkter Nachbarschaft zur Vagina. Laut dem Slowakischen Pathologen Milan Zaviacic verfügt die weibliche Prostata im Vergleich zum männlichen Pendant über eine außergewöhnliche Eigenschaft: das Organ unterscheidet sich von Mensch zu Mensch in Größe und Ausdehnung, nicht wenige Frauen verfügen über so wenig Prostatagewebe, dass bei ihnen die Existenz zumindest dieses „Lustmotors“ praktisch verneint werden müsse.

Glücklich hingegen dürfen sich jene Damen fühlen, die über ausreichend Prostatamaterial im Körperinneren verfügen. Denn wer derart ausgestattet auf dem Rücken liegt, hat Moalem zufolge die Prostata direkt über den Vaginaltrakt positioniert, was stimulierenden Eindringlingen jeder Art den optimalen Zugang zum G-Punkt ermöglicht.

Über die Existenz des G-Punkt streiten Sexualexperten seit Jahren, doch dem österreichischen Urologen Florian Wimpissinger gelang im Jahr 2007 eine spektakuläre Publikation. Im Journal of Sexual Medicine (vol. 4, p 1388) schilderte der am Rudolphstiftung Hospital in Wien arbeitende Wimpissinger den Fall gleich zweier Patientinnen, die sich auf Grund von massiven Ejakulationen während des Orgasmus vorgestellt hatten. Tatsächlich gelang dem Österreicher die Analyse des im Laborversuch durch Masturbation gewonnen Ejakulats. Zur großen Überraschung der Ärzte wies die Flüssigkeit neben einen hohen PSA-Gehalt auf. Zudem ließen sich via Ultraschall Prostatadrüsen erkennen, im Juli vergangenen Jahres stellten Wimpissinger und seine Kollegen eine neue Publikation vor, in der anhand von MRI-Aufnahmen sieben weitere Fälle von Prostata-bedingten weiblichen Ejakulationen beschrieben werden.

Ob solcher Faktenlage rätseln Fachleute inzwischen nicht mehr ob, sondern warum Frau eigentlich über das Organ und verfügt. Denn anders als beim Mann spielt die weibliche Prostata in Sachen Fortpflanzung keine Rolle, zudem lässt sich der Faktor Lust auch ohne G-Punkt ultimativ erreichen. Vermutlich sei der Grund für das Vorhandensein des Orgasmus-Gewebes im Laufe der Evolution entstanden und rein pragmatischer Natur, mutmaßt Neurogenetiker Moalem. Weil Infektionen des Urinaltrakts bei Frauen häufig vorkommen, sei die explosionsartige Entleerung während des Orgasmus ein probates Mittel, ganz nebenbei und unbemerkt unliebsame Bazillen aus der Harnröhre zu befördern, schreibt Moalem. Um diese These zu belegen will der Forscher in New York Ejakulatproben auf Keimhemmende Substanzen, etwa auf Zink, untersuchen. Sollte der Nachweis gelingen, wäre es eine Sensation. Denn das „faszinierende und lange Zeit vernachlässigte Phänomen wäre dann weitaus mehr als eine sexuelle Kuriosität“, meint Moalem.

Buchtipp: Sharon Moalem: How Sex Works. Harper Collins Verlag, Mai 2009. ISBN-10: 0061479659

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