91.000 Afghanistan-Dokumente beenden die Ära von Washington Post, SPIEGEL oder New York Times. So einfach lässt sich der Versuch vieler medialer Meinungsführer deuten, die in dieser Woche durch Analysen der bei Wikileaks eingestellten Files des Pentagon die eigene Arbeit aufwerten möchten. Es ist womöglich das letzte Aufbäumen einer ohnehin angeschlagenen Branche – Wikileaks, Whistleblower, Google, Blogs und Webzines dominieren nicht erst seit den aktuellen Afghanistan-Dokumenten die Medienlandschaft des neuen Jahrtausends. Print und der Journalismus vor 2010, so hat es den Anschein, haben ausgedient. ein Kommentar von Vlad Georgescu
Tatsächlich ist die Sensation nicht die, dass Whistleblower Interna preisgeben oder geheime Akten veröffentlichen. Neu ist die Wucht, mit der die Großen der Printbranche zu reinen Beobachtern degradiert wurden. Nach der Watergate-Affäre galten Enthüllungsjournalismus und investigative Recherchen als Monopol weniger Nachrichtenmagazine und Zeitungen weltweit. TIME, SPIEGEL, New York Times. Doch im Boom und Glanz der vermeintlichen goldenen 1990er und 2000er Jahre verblasste der Aufklärungselan vieler Medienmacher. 9/11 als Fake? Vereinzelt als Verschwörungstheorie abgetan. Afghanistan als Fehlentscheidung? Kaum vorstellbar. Saddam Hussein ohne Massenvernichtungswaffen? Vorhersehbar, aber ignoriert. Bin Laden als unlösbares Rätsel? Keine Story. Der Aufschwung als nachhaltige Lüge? Kein Kommentar.
Wikileaks beendet mit Brachialgewalt die Ära der medialen Arroganz – und Ignoranz. Wer lesen kann braucht weder Tagesthemen, noch den Focus. Wikileaks stellt vieles ins netz, was Medien bisher übersahen. Wer lesen kann, wird sich mitunter fragen, warum er eigentlich FTD oder Handelsblatt noch abonniert und weswegen Bild oder FAZ noch bezogen werden sollten – vom reinen Unterhaltungswert einmal abgesehen.
Dass die Big Player jetzt auf den fahrenden Wikileaks-Zug aufspringen verwundert nicht. Sie müssen sich messen lassen an den eigenen investigativen Erfolgen – und die sehen eher bescheiden aus. Zudem bietet Wikileaks nach wie vor jenen Informantenschutz, den konventionelle Medien längst nicht mehr ihr Eigen nennen können. Wer als Whistleblower agiert weiß zudem: Jede bei Wikileaks eingestellte Information erreicht alle Medien, weltweit.
Dass der Krieg in Afghanistan wie jeder andere Krieg schmutzig, brutal und mitunter am Gesetz vorbei verläuft ist weder neu, noch spektakulär. Dass die ehemals Großen der Medienbranche Wikileaks benötigten, um das zu belegen, ist die eigentliche Sensation.
Die Site für Whistleblower, Wikileaks, finden Sie an dieser Stelle
(2010-07-26)
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