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Nano-Nachhilfe aus Teheran

Die Welt blickt auf Irans Äußerungen zum Ende des Mubarak-Regimes, doch Wissenschaftler sollten stattdessen auf das Teheraner Know How in Sachen Nanopartikel achten. Denn eine im iranischen Fachblatt DARU veröffentlichte Publikation zeigt: Die Nanotechnologie erobert - in Europa noch unmerklich - die Pharmazie. von Vlad Georgescu


Der Besuch war hochrangig, kein geringerer als der geistliche Führer der islamischen Republik Iran, äußerte sich vor der Wissenschaftselite des Landes zum Thema Forschung. Diese, dozierte Ayatollah Khamenei am 2. Februar 2010 an der Universität Teheran, bilde eine wichtige Grundlage für die Fortentwicklung des Landes. Während normalerweise Äußerungen von ausländischen Beobachtern nahezu reflexartig mit dem iranischen Atomprogramm in Verbindung gebracht werden, ging es im grünen Saal um weitaus unspektakulärere Dinge: Landwirtschaft, Psychologie und die Rolle der interdisziplinären Zusammenarbeit innerhalb der Fachrichtungen. Nur einen Monat später outete das von der Tehran University of Medical Sciences herausgegebene Fachblatt DARU: Es geht um weitaus mehr.

Tatsächlich nutzten indische Pharmakologen von der Banaras Hindu University, Varanasi, den iranischen Weg, um der restlichen Welt eine Lektion in Sachen Nano-Pharmazie zu erteilen. Mit Hilfe einer Nanoemulsion war es ihnen gelungen, den Wirkstoff Lomotrigin über einen Zeitraum von 24 Stunden kontrolliert freizusetzen - was dem Antiepileptikum neue Anwendungsperspektiven eröffnet. Allein das erweist sich aus pharmakologischer Sicht als wichtiger Durchbruch. Denn Substanzen, die unter Normalbedingungen gegen schwere Leiden kaum wirken können, so die Erkenntnis der Iraner Pharmazeuten, mit Nanomethoden aufgepuscht werden – und avancieren somit zu potenten Arzneien. Weitaus bemerkenswerter aber ist ein anderer Aspekt: Nicht die etwa Nature oder Science erhielten die Arbeit zur Veröffentlichung, sondern die iranische DARU. Nano-Nachhilfe aus Teheran.

Wer sich die Fachpublikation im DARU (Vol. 18, No. 1 2010: Investigation of formulation variables affecting the properties of lamotrigine nanosuspension using fractional factorial design) in Ruhe zu Gemüte zieht wird schnell erkennen: Der publizistische Nano-Vorstoß aus Teheran hat es in sich – und lässt pharmazeutische Retrogefühle im High-Tech Gewand daherkommen.

Emulsionen ansetzen, Substanzen mischen und exakt abmessen, all das, was hierzulande allenfalls noch für Gesichtscremes oder Pickelsalben per Pharmazeutenhand entsteht und von der Fachwelt müde belächelt wird, gehört zum neuen Zaubermix der Iran-affinen Inder. Und es wirkt. „Dreifach destilliertes Wasser und Ethylacetat etwa müssen rund zehn Minuten lang bis zur Sättigung gemischt werden um ein thermodynamisches Gleichgewicht zu erhalten“, schreiben die Autoren, ohne den Rotstift der Verleger fürchten zu müssen.

Die auf diese Weise gewonnene Flüssigkeit bilde die Grundlage für den weiteren Emulsionsbindungsprozess, schildert DARU das Prozedere. Stabilisatoren, Temperaturen um die 30 Grad und das in Deutschland von Evonik entwickelte Arzneimittelpolymer Eudragit in diversen Konzentrationen umhüllen letztendlich den Wirkstoff Lomotrigin, um ihn danach, nach Einnahme durch den Patienten, kontrolliert freizusetzen. Druidix lässt grüßen, DARU schreibt’s.

Wer ob solcher Experimente der indisch-iranischen Themenwahl schmunzelt, liegt falsch. Denn hinter den Experimenten verbirgt sich solide Forschung – und ein globaler Milliardenmarkt, auf den Teheran in ungewohnt offener Manier über seine Elite-Publikation hinweist.

Weltweit belegen nämlich pharmazeutische Studien, dass der Siegeszug der atomaren Zwerge unaufhaltsam ist. Die Idee ist simpel: Neue Wirkstoffe zu entwickeln ist extrem teuer und aufwändig – bestehende Substanzen besser zum Ziel zu führen kann mit Hilfe von Nanoemulsionen und anderen Nanopartikeln gut gelingen.

Der an der Teheraner Shaheed Beheshti University of Medical Sciences lehrende Pharmazieprofessor Reza Aboofazeli geht einen Schritt weiter und setzt auf sogeannte Carbon nanotubes (CNT) als Wirkstofflieferanten. In einem Editorial des Iranian Journal of Pharmaceutical Research warnte der Forscher vor verfrühten Erwartungen – bereitete aber sein Land auf diese auch im Westen als vielversprechende eingestufte Variante der Arzneimittelforschung vor.

Der Blick auf den Elfenbeinturm kommt nicht von ungefähr. Ausgerechnet der politische Erzrivale des Iran wartet derzeit mit Erfolgen auf. So gelang es US Forschern am California Institute of Technology, interferierende RNA-Fragmente mit Hilfe von Nanopartikeln über eine Injektion ins Blut direkt zu den Tumorzellen der Patienten zu befördern, wo die therapeutischen „Schalter“ wichtige Onkogene ausknipsten. Die am 21. März 2010 im Fachblatt Nature online publizierte Arbeit sorgte weltweit für Aufsehen und lief als Meldung über die großen Agenturen.

Doch anders als die etablierten Medien des Westens verfolgen die Teheraner nicht nur im DARU eine pragmatischere Vorgehensweise und setzen auf weniger spektakuläre Erfolge – genau das könnte Schule machen. Eudragit beispielsweise, über das die Fachmedien des Ayatollah Khamenei berichteten und indische Wissenschaftler akribisch testeten, ist weder neu, noch eine iranische Erfindung. Einzigartig indes ist die Idee, über die erfolgreichen Versuche mit bekannten und existierenden Wirkstoffen zu berichten – und dem westlichen Kulturkreis klarzumachen, dass es neue, potente Forschungsallianzen gibt.

Für Wissenschaftler hierzulande bergen die persischen Publikationen mitunter einen interessanten, intellektuellen Wert, aus dem die Pharmazie selbst schöpfen kann. Denn anders als in der westlichen Werteordnung betrachten die Teheraner Forscher „Wissenschaft als Mischung aus Forschung und Philosophie“.

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