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Umweltzerstörung bedroht Gipskarst. Rettet den Blossenberg!

Die Gipsindustrie im Südharz vernichtet in einem unglaublichen Ausmaß einzigartige Naturschutzgebiete. Nirgends sonst in Europa gibt es solche Gipskarstlandschaften: märchenhafte Schluchtwälder, mit Blüten übersäte Buckelwiesen, Trocken- und Halbtrockenrasen, Höhlen und Sümpfe. Orchideen, Enzian, Fledermäuse, Gelbbauchunke, Ringelnatter und Braunkehlchen sind nur einige der seltenen oder vom Aussterben bedrohten Pflanzen und Tiere, die in diesem facettenreichen Paradies einen letzten Rückzugsraum finden. Regionen mit einer derart hohen Dichte und Vielfalt charakteristischer Lebensräume und Arten sind als „Hotspot für Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet – und der Blossenberg bei Osterode am Harz im Landkreis Göttingen gehört dazu!



Doch der Gipsindustrie ist das egal. Es wird geschürft, was das Zeug hält. Inzwischen reiht sich Steinbruch an Steinbruch. Wer die Osteroder Flur durchwandert, wird die katastrophale Verwundung der einmaligen Landschaft hautnah miterleben können. Mehr als die Hälfte der insgesamt 770 Hektar Gipskarst um Osterode sind bereits für den Abbau freigegeben, immer tiefer fressen sich die Bagger in die FFH-Lebensräume. Angeblich geht es um die Sicherung von Arbeitsplätzen, das übliche Totschlagargument.

Doch welche Arbeitsplätze, bitte, sind hier gemeint?!

Das Dutzend Leute, das notwendig ist, um im Steinbruch die Maschinen zu bedienen und anderweitig sinnvoller eingesetzt werden könnte? Weder die Firmen selbst noch die Politik (die die Ausbeutung der Lagerstätten übrigens aktiv unterstützt) werden hierzu wirklich konkret. Natürlich nicht. Denn dann müsste man erklären, dass niemand seine Arbeit verlieren muss, wenn auf den Raubbau verzichtet wird. Statt diesen einzigartigen Hotspot der Biodiversität in eine Mondlandschaft zu verwandeln, gibt es nämlich schon seit vielen Jahren Alternativen.

Naturgips ist vollständig ersetzbar!

Gips aus der Rauchgasentschwefelung, sogenannte REA-Gipse, und Industriegips, wie er zum Beispiel in der Lebensmittelindustrie bei der Herstellung von Zitronensäure anfällt, können durchaus zu Gipskartonplatten, Estrichen oder Putzen weiterverarbeitet werden. Selbst die wegen ihres Weißgrades qualitativ höherwertigen Stuck- und Modellgipse und sogar die Dental- und Medizinalgipse, die höchsten Reinheitsanforderungen genügen müssen, können so hergestellt werden. Aber davon wollen weder Gipsindustrie noch Politik etwas wissen. Im Gegenteil. Es werden Gutachten ignoriert, die die Möglichkeit des 100-prozentigen Ersatzes von Naturgips belegen. In einer Kleinen Anfrage (17/1289) behauptete der Niedersächsische Landtag sogar, dass auf Naturgips nicht verzichtet werden kann. Diese industrieaffine Haltung hat eine lange Tradition. Seit den 1980er Jahren reicht die Landesregierung der Gipsindustrie Hektar um Hektar auf dem Silbertablett als Vorranggebiete für die Rohstoffversorgung. Zum Beispiel setzte sie bei der Ausweisung der niedersächsischen Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiete den Gipskarst erst nach Androhung eines Vertragsverletzungsverfahrens durch die Europäische Union verspätet auf die Meldeliste. Ein raffinierter Schachzug, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Umweltministerium dafür gesorgt, dass die Pfründe für die Gipsindustrie gesichert waren: Es hatte nämlich sämtliche angedachten Abbaugebiete aus dem ursprünglichen FFH-Gebietsvorschlag gestrichen – neben der Kreuzstiege und dem Röseberg Ost auch den Blossenberg.

Nun also soll es offenbar bald losgehen. Wo im letzten Jahr noch Nickendes Leimkraut, Fieder-Zwenke und Acker-Witwenblume blühten und so seltene Schmetterlinge wie Himmelblauer Bläuling und Karden-Sonneneule von Blüte zu Blüte taumelten, werden wohl demnächst Harvester den geschützten Schluchtwald roden und Bagger die Natura-2000-Flächen Kalktrocken- und Magerrasen zusammenschieben. Ein Anfang ist bereits gemacht: In den letzten Wochen des alten Jahres planierte ein Tiefbauunternehmen einen vordem idyllischen Wanderweg platt. Aus einem kaum drei Meter breiten, von lauschigen alten Weiß- und Schwarzdornen gesäumten Weg wurde eine Schlammtrasse von stellenweise bis zu 17 Metern Breite. Hier wurden Fakten geschaffen und genügend Sammelplätze, um das Langholz aus den geschützten Wäldern stapeln zu können. Den „Abraum“ aus Bewuchs und Erde, Wurzeln, Ästen und Steinen hat man einfach rechts und links auf die verbliebenen Sträucher gekippt: tonnenschwere Last, die Haselmaus, Siebenschläfer, Blindschleiche & Co in ihrem Winterquartier lebendig unter sich begraben hat.

Noch aber ist es nicht zu spät, noch können wir eingreifen. Bitte, helft mit, den Blossenberg zu retten!

Der Altkreis Osterode hat bis auf seine Naturschönheit ohnehin nicht viel zu bieten. Wird der Ausverkauf weiter so vorangetrieben, hat er keine Zukunft. Wenn es aber gelingt, die europaweit einmalige Gipskarstlandschaft zu bewahren, können wir an Lösungen für eine dauerhaft nachhaltige Landnutzung arbeiten. Dann steht nicht die Gewinnmaximierung einzelner Unternehmen im Vordergrund, sondern eine nachhaltige Regionalentwicklung, die zukunftsfähig ist und sich für alle auszahlt.


(2018-02-08)

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