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EXKLUSIV-INTERVIEW:
Der Stellenabbau geht weiter



Buchtipp zum Thema: Brennpunkt Deutschland. Warum unser Land vor einer Zeit der Revolten steht. Foto: Verlagsgruppe LübbeDie Zeichen stehen auf Sturm. Spätestens seit Einführung der Hartz-Gesetze formiert sich in Deutschland ein massiver, teils militanter Widerstand gegen den Staat. Großdemonstrationen, Randale und Anschläge könnten schon bald das Straßenbild bestimmen. Eine unliebsame Tatsache, die kaum ein Politiker wahrhaben will. Mit solchen Thesen wartet das Buch „Brennpunkt Deutschland – Warum unser Land vor einer Zeit der Revolten steht“ auf. Lifegen.de sprach exklusiv mit der Autorin des Werks, Marita Vollborn, über Sein und Schein in der deutschen Politik und Wirtschaftswelt. Die derzeitige Krise bei Airbus oder die Pläne der Telekom, so die Bestsellerautorin, überraschten angesichts der Jagd der Konzerne nach hohen Renditen kaum - und seien sicher nicht die letzten Hiobsbotschaften für Deutschlands Arbeitnehmer. Die neuste Jobkiller-Nachricht kommt nun von Nokia Siemens Networks: Rund 3000 Stellen sollen in Deutschland gestrichen werden.


Wirtschaftsleute sind euphorisch, allerorts ist vom boomenden Aufschwung zu hören. Sie hingegen bringen ausgerechnet jetzt ein Buch, dass ein anderes Bild über die wirtschaftliche und politische Lage in Deutschland zeichnet.

Vollborn: „Brennpunkt Deutschland" zeichnet kein düsteres Bild, es spiegelt die Realität wider. Seien wir doch ein bisschen offener für die Wahrheit: Entgegen der landläufigen Meinung spürt ja kaum jemand in der Bevölkerung wirklich etwas vom Aufschwung. Der massive Job-Abbau bei Airbus oder die drohenden Kürzungen bei Bayer Schering Pharma werden in der medialen Disussion um den Wirtschaftsaufschwung nahezu ignoriert – die betroffenen Menschen in den Betrieben werden das anders sehen. Auch die derzeitigen Pläne der Telekom tragen wenig dazu bei, Wirtschaft und Politik zu glauben. Wir sagen daher in unserem Buch, wie die Dinge wirklich stehen: Das Ende der Arbeit ist das eigentliche Problem, um das es geht. Und wir sagen auch: Der Stellenabbau in Deutschland geht weiter. Das ist ist ein Langzeittrend, der seit 30 Jahren anhält. Airbus markiert leider nicht das Ende dieser Entwicklung. Argumentiert wird stets mit Wettbewerbsvorteilen, in Wirklichkeit geht es meist nur um horrende Renditerwartungen, die nahezu alle Kapitalgesellschaften zu erfüllen haben. Leute ihren Job wegzukürzen bleibt dabei der einfachtse Weg.

Aber die Zahlen sprechen doch für sich. Sie können die aktuelle Arbeitslosenstatistik, die als Rekord gefeiert wurde....

Vollborn: ...als Momentaufnahme abhandeln. Denn die Zahlen sind wie immer statistisch korrekt – aber eben auch so erfasst, dass es zu diesem Bild kommt. Sehen wir uns doch die Gesamtzahl jener Menschen an, die Leistungen von der Bundesagentur für Arbeit beziehen - da kann ich bei bestem Willen keine Entspannung erkennen. Rund acht Millionen Menschen sind auf Gelder von Vater Staat angewiesen, weil sie keine Arbeit haben, oder weil ihre Arbeit derart schlecht bezahlt ist, dass es für ein Überleben nicht mehr reicht.

Die Politik betont die Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Jobs.

Vollborn: Vergisst aber dabei zu erwähnen, dass jemand mit beispielsweise 580 Euro im Monat kaum auskommen kann, wenn er noch Kinder und eine ebenso schlecht verdienenden Partner hat. Unser Buch greift solche Aspekte auf, und wir sagen auch: Solche Zustände kritisieren Experten schon lange – sie werden jedoch nicht zur Kenntnis genommen.

Als da wären?

Vollborn: Schauen Sie sich doch zum Beispiel die Berichte der Hans Böckler Stiftung an. Haben Sie darüber einen Aufmacher in der Tagesschau gesehen? Oder nehmen Sie thematisch die angeblich so hohe Besteuerung der Kapitalunternehmen. Nun, es gibt verlässliche Studien, die wir im Buch ausführlich zitieren und anbringen, die das Gegenteil belegen. Die effektive Besteuerung liegt danach bei unter zehn Prozent, darüber redet in der Politik so gut wie niemand. Deutschland ist für Kapitalgesellschaften eher ein Steuerparadies.

Leben Konzernbosse hier unter Palmen..... .

Vollborn: ....und umgeben von netten girls im Bikini bei Sonnenschein? Sicher nicht. Aber die Manager wissen sehr wohl, dass sie in Deutschland wie in kaum einem anderen Land die Politik beeinflussen können – über die beim Deutschen Bundestag akkreditierten Lobbygruppen ganz legal und ohne Umwege. Hinzu kommen ja noch die Verflechtungen zwischen politischen Mandaten und Abgeordnetenposten.

Das haut uns aber nicht um, das ist bekannt. .

Vollborn Sollte es aber. Denn die Geschenke des Staates an die Unternehmen kommen nicht von ungefähr. Wir beschreiben diese Zusammenhänge explizit. Zudem zeigen wir anhand des Beispiels Sterbegeld, dass sich Politiker selbst andere Gesetze zumuten, als sie dem Rest des Volkes abverlangen. Glauben Sie mir, uns hat es umgehauen.

Ihr Buch, das Sie nach dem Bestseller „Die Joghurt-Lüge“ wieder mit Vlad Georgescu geschrieben haben, trägt den Untertitel „Warum unser Land vor einer Zeit der Revolten steht“. Glauben Sie wirklich, dass es dazu kommt?

Vollborn: Vieles spricht dafür, dass wir in Deutschland französische Verhältnisse haben werden. Die Proteste bei Airbus oder die Großdemo bei der Telekom sind ein Indiz, dass die meisten Menschen, noch im Rahmen der Gesetze, einfach genug haben. Bedauerlicher Weise braut sich auch weniger friedfertiges Potenzial auf. Die linksextreme Szene hat die seit zehn Jahren andauernde Militanzdebatte beendet und sich nun für den Einsatz von Gewalt ausgesprochen, zumindest sind Teile dieser Szene dafür. Am anderen Rand des extremen Spektrums plädieren rechte Parteien wie die NPD ganz offen für die „Abwicklung“ des demokratischen Systems der Bundesrepublik. Und die Mitte der Gesellschaft wendet sich von der Politik ab, weil sie sich verlassen und verraten fühlt – das sind die Zutaten, die als Mix mit dem anhaltenden soziale Abbau im Lande zu Unruhen führen können.

Aber im Lande ist es doch friedlich.

Vollborn: Glauben Sie das weiter, denn es gibt Ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Die Verfassungsschutzberichte von Bund und Ländern, die wir uns sehr genau angesehen haben, sprechen da eine ganz andere Sprache: Die Zahl der politisch motivierten Straftaten ist enorm angestiegen, es gibt Anschläge auf Einrichtungen des Bundes und der Länder. Im Sommer werden wir vermutlich die ersten Anschläge im Schatten des G8-Gipfels erleben. Die Sicherheitsbehörden wissen das, die Politik befürchtet es, doch man hält den Ball flach.

Ist demnach hierzulande alles und jeder schlecht, der die Jahre der Globalisierung und der bundesdeutschen Reformen für gescheitert erklärt?

Vollborn: Mitnichten. Unser Buch basiert ja auf Fakten, wir haben über 380 Quellen angegeben, hinzu kommen zahlreiche Gespräche mit Experten und Insidern, die nicht genannt werden wollten. All diese Menschen sind doch keine Staatsfeinde, keiner von ihnen möchte eine andere Republik, auch wir nicht. Im Gegenteil: Wir sind als Buchautoren der Meinung, dass die derzeit und seit Jahren vorhandene Ignorierung unliebsamer Tatsachen unser Land vor die Zerreißprobe stellen wird.

Bitte konkreter...

Vollborn: Nehmen wir Harz IV als Beispiel. Als Schröder die Gesetze zur Arbeitsmarktreform durchbrachte, hat die ganze Presse jubiliert. Heute herrscht Katerstimmung, keiner will es gewesen sein. Dabei hätten die Herren und Damen Politiker doch lediglich die Berichte des IAB lesen müssen – die Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit warnte schon damals vor den Folgen von Harz IV. Was wir nun im Buch wenigstens retrospektiv belegen können.

Heute ist die Rente mit 67 das Thema.... .

Vollborn:...das genau so floppen wird. So warnt der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages unmissverständlich vor den Folgen des höheren Renteneintrittsalters Doch offenbar kennt keiner in der Regierung den hoch qualifizierten Dienst des Parlaments.

Das Interview führte Dr. Rolf Froböse am 1. März 2007

Marita Vollborn, Vlad Georgescu
Brennpunkt Deutschland. Warum unser Land vor einer Zeit der Revolten steht


Gustav Lübbe Verlag
ISBN: 3-7857-2282-6

Hardcover/Festeinband

Preis: 18,00 EUR (D) 18,50 EUR (A) 31,90 SFR


(2007-05-06)

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